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drängte sich immer zuerst in seiner Seele emporer fühlte sich gedrungen, erst diesen wichtigsten Punkt seiner Zweifel und Besorgnisse zu berichtigen, ehe er irgend etwas anders zum gegenstand seines Denkens machte. – Es war also sehr natürlich, dass ihm wider seinen Willen diese Worte immer wieder in die Feder kamen, wenn er sich bemühte, Gedanken niederzuschreiben. –

Endlich arbeitete sich denn doch der Ausdruck durch die Gedanken durchund das erste, was ihm in ziemlich passende Worte einzukleiden gelang, war etwas Metaphysisches über Ichheit und Selbstbewusstsein. –

Denn da er nun weiter denken und Gedanken niederschreiben wollte, so lag ihm natürlicherweise nichts näher als dies: er wollte erst mit sich selbst gleichsam in Richtigkeit sein, ehe er zu etwas anderm schritte. –

Nun fing er an, den Begriff des Individuums zu verfolgen, der ihm schon seit einigen Jahren, da er zuerst etwas von Logik gehört hatte, vorzüglich wichtig geworden warund da er nun endlich auf den höchsten Grad des Bestimmtseins von allen Seiten und des vollkommen sich selbst Gleichseins stiessso war es ihm nach einigem Nachdenken, als ob er sich selbst entschwunden wäreund sich erst in der Reihe seiner Erinnerungen an das Vergangene wieder suchen müsste. – Er fühlte, dass sich das Dasein nur an der Kette dieser ununterbrochenen Erinnerungen festielt. –

Die wahre Existenz schien ihm nur auf das eigentliche Individuum begrenzt zu seinund ausser einem ewig unveränderlichen, alles mit einem blick umfassenden Wesen konnte er sich kein wahres Individuum denken. – Am Ende seiner Untersuchungen dünkte ihm sein eigenes Dasein eine blosse Täuschung, eine abstrakte ideeein Zusammenfassen der Ähnlichkeiten, die jeder folgende Moment in seinem Leben mit dem entschwundenen hatte. – Durch diese Begriffe von seiner eignen Eingeschränkteit veredelten sich seine Begriffe von der Gotteiter fing an, nun in diesem grossen Begriffe sein eigenes Dasein zu fühlen, das ihm ohnedem unter den Händen zu verschwinden, ohne Zweck, abgerissen und zerstückt zu sein schien. – –

Aus diesen Reflexionen bildete sich der erste schriftliche Aufsatz, den er entwarf, und dem er die Form eines Briefes an seinen Freund gab, mit welchem er sich über diese Materie oft zu unterreden pflegte, und der ihn wenigstens immer zu verstehen schien.

Dabei dauerten seine Kopfschmerzen immer fortallein er gewöhnte sich zuletzt so daran, dass ihm sein Zustand ordentlich gefährlich oder unnatürlich vorkam, wenn er einen Tag einmal keine Kopfschmerzen hatte. –

Seine Zusammenkünfte mit Philipp Reisern wurden nun immer häufigerund er erhielt unvermuteterweise zu diesem noch einen Freund; dies war der Sohn des Kantors, namens Winter, einer seiner Mitschüler, gegen dessen Miene und Gesichtsbildung er fast immer eine Art von Antipatie gehegt und sich zugleich von ihm verachtet geglaubt hatte. –

Dieser wusste von seinem Vater, dass Anton Reiser einmal Verse gemacht hatte, und weil er nun selbst für jemanden ein Gedicht auf einen Geburtstag zu machen versprochen hatte, so suchte er Reisern auf und bat ihn um die Verfertigung dieses Gedichts, das er selbst auszuarbeiten nicht Lust oder Zeit hatte. – Dies war für Reisern die erste Veranlassung, seine ganz vernachlässigte Poesie wieder hervorzusuchen. – Das kleine Gedicht gelang ihm nicht übel. – Winter besuchte ihn von der Zeit an öfter und versprach ihm einstmals, dass er ihm die Bekanntschaft eines merkwürdigen Mannes verschaffen wolle, der übrigens ganz im Dunkeln lebe und nichts weiter als ein Essigbrauer sei. – Reiser war sehr begierig auf diese Bekanntschaftes zog sich aber noch eine ganze Weile damit hin. – Durch die Verse, welche ihm für Winter gelungen waren, war seine schlummernde Neigung für die Poesie wieder aufgeweckt allein seine Trägheit zog ihn zu der harmonischen Prosa zurück, wozu sich sein Ohr durch die wiederholte Lektüre der vortrefflichen Ebertschen Übersetzung von Youngs Nachgedanken gewöhnt hatteund nun fehlte es nur an einer äussern Veranlassung, die seiner Einbildungskraft einen ungewöhnlichen Schwung zu geben vermochte. –

Diese Veranlassung ereignete sich an einem trüben und regnigten Sonntagnachmittagewo er im Chore sanger hatte erst mit Winter gesprochen, und dieser erkundigte sich unter andern nach seiner Lektüre und wunderte sich, dass er ihn beständig lesend getroffen habe. – Reiser antwortete ihm, das sei ja noch das einzige, wodurch er sich wegen der Verachtung, der er so allgemein in der Schule und im Chore ausgesetzt wäre, einigermassen schadlos halten könnte. –

Durch dies Gespräch mit Winter, da er in kurzem seine Situation überdachte, war sein Herz einmal lebhaften Eindrücken geöffnet wordenund nun fügte es sich gerade, dass eben der Verclas, mit dem er einst nebst G ... den sterbenden Sokrates aufgeführt hatte, ihn zum gegenstand seines groben Witzes machte und durch allerlei Anspielungen ihn bei seinen Mitschülern wieder lächerlich zu machen suchte, die denn auch bald mit einstimmten, so dass Reiser fast eine halbe Stunde lang das Ziel ihrer witzigen Einfälle war. –

Er sagte auf alles dies kein Wort und kränkte sich, indem er einsam vor sich wegging, innerlich darüber; und ob er sich gleich bemühte, seine Kränkung in Verachtung zu verwandeln, so wollte es ihm doch nicht recht damit gelingen; bis er sich endlich unvermerkt in eine bittere menschenfeindliche Laune hineinphantasierte, die durch nichts als das Andenken an seinen Philipp Reiser wieder gemildert wurde. – Da nun auch der Vorsatz, seine Empfindungen und Gedanken an ihn niederzuschreiben, herrschend geworden war, so behielt derselbe auch diesmal selbst über seinen Verdruss und seine Kränkung zuletzt die Oberhand; er suchte sich das