Schicksal und alles in dem Gedanken von tierischer Zerstückbarkeit begrub – und sogar mit einem gewissen Vergnügen wieder zu haus ging und seinen Haarteig auf dem Wege verzehrte – denn es war damals gerade sein schreckliches Vierteljahr, wo er manche Tage bloss von diesem Teige lebte. – Nahrung und Kleidung war ihm gleichgültig so wie Tod und Leben – ob nun eine solche bewegliche Fleischmasse, deren es eine so ungeheure Anzahl gibt, auf der Welt mehr umhergeht oder nicht! – Dann konnte er sich nicht entalten, sich immer an den Platz der zerstückten und in Stücken auf das Rad gewundenen hingerichteten Missetäter zu stellen – und dachte dabei, was schon Salomo gedacht hat: 'Der Mensch ist wie das Vieh; wie das Vieh stirbt, so stirbt er auch.' –
Wenn er von dieser Zeit an ein Tier schlachten sah, so hielt er sich immer in Gedanken damit zusammen – und da er es bei dem Schlächter auch so oft zu sehen gelegenheit hatte, so ging eine ganze Zeitlang sein blosses Denken dahin – den Unterschied zwischen sich und einem solchen Tier, das geschlachtet wird, auszumitteln. – Er stand oft stundenlang und sah so ein Kalb mit Kopf, Augen, Ohren, Mund und Nase an; und lehnte sich, wie er es bei fremden Menschen machte, so dicht wie möglich an dasselbe an, oft mit dem törichten Wahn, ob es ihm nicht vielleicht möglich würde, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres hineinzudenken – es lag ihm alles daran, den Unterschied zwischen sich und dem Tiere zu wissen – und zuweilen vergass er sich bei dem anhaltenden Betrachten desselben so sehr, dass er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben. – Kurz, wie ihm sein würde, wenn er z.B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein anderes Tier wäre – das beschäftigte von Kindheit auf schon oft seine Gedanken. – Und da er sich nun den Unterschied zwischen Körper und Geist gedacht hatte, so war ihm nichts wichtiger, als zugleich irgendeinen wesentlichen Unterschied zwischen sich und dem Tiere aufzufinden, weil er sich sonst nicht überreden konnte, dass das Tier, welches ihm in seinem Körperbau so ähnlich war, nicht ebenso wie er einen Geist haben sollte. –
Und wo blieb nun der Geist nach der Zerstörung und Zerstückelung des Körpers? – Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen, die vorher durch die Scheidewand des Körpers bei einem jeden voneinander abgesondert waren und nur durch die Bewegung einiger Teile dieser Scheidewand einander wieder mitgeteilt wurden, schienen ihm nach dem tod der Menschen in eins zusammenzufliessen – da war nichts mehr, das sie absonderte und voneinander trennte – er dachte sich den übrig gebliebenen und in der Luft herumfliegenden Verstand eines Menschen, der bald in seiner Vorstellungskraft zerflatterte. –
Und dann schien ihm aus der ungeheuren Menschenmasse wieder eine so ungeheure unförmliche Seelenmasse zu entstehen wo er immer nicht einsahe, warum gerade so viel und nicht mehr und nicht weniger da wären, und weil die Zahl ins Unendliche fortzugehen schien, das Einzelne endlich fast so unbedeutend wie nichts wurde.
Diese Unbedeutsamkeit, dies Verlieren unter der Menge war es vorzüglich, was ihm oft sein Dasein lästig machte.
Nun ging er einmal eines Abends traurig und missmutig auf der Strasse umher – es war schon in der Dämmerung, aber doch nicht so dunkel, dass er nicht von einigen Leuten hätte gesehen werden können, deren Anblick ihm unerträglich war, weil er ihnen ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein glaubte. –
Es war eine nasskalte Luft und regnete und schneiete durcheinander – seine ganze Kleidung war durchnetzt – plötzlich entstand in ihm das Gefühl, dass er sich selbst nicht entfliehen konnte.
Und mit diesem Gedanken war es, als ob ein Berg auf ihm lag – er strebte sich mit Gewalt darunter emporzuarbeiten, aber es war, als ob die Last seines Daseins ihn darnieder drückte.
Dass er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen, mit sich schlafen gehen – bei jedem Schritte sein verhasstes Selbst mit sich fortschleppen musste. –
Sein Selbstbewusstsein mit dem Gefühl von Verächtlichkeit und Weggeworfenheit wurde ihm ebenso lästig wie sein Körper mit dem Gefühl von Nässe und Kälte; und er hätte diesen in dem Augenblick ebenso willig und gerne wie seine durchnetzten Kleider abgelegt – hätte ihm damals ein gewünschter Tod aus irgendeinem Winkel entgegengelächelt. –
Dass er nun unabänderlich er selbst sein musste und kein anderer sein konnte; dass er in sich selbst eingeengt und eingebannt war – das brachte ihn nach und nach zu einem Grade der Verzweiflung, der ihn an das Ufer des Flusses führte, welcher durch einen teil der Stadt ging, wo dasselbe mit keinem Geländer versehen war. –
Hier stand er zwischen dem schrecklichsten Lebensüberdruss und der instinktmässigen unerklärlichen Begierde fortzuatmen, kämpfend, eine halbe Stunde lang, bis er endlich ermattet auf einem umgehauenen Baumstamm niedersank, der nicht weit vom Ufer lag. Hier liess er sich noch eine Weile gleichsam der natur zum Trotz vom Regen durchnetzen, bis das Gefühl einer fieberhaften Kälte und das Klappern seiner Zähne ihn wieder zu sich selbst brachte und ihm zufälligerweise einfiel, dass er den Abend bei seinem Wirt, dem Fleischer, frische Wurst zu essen bekommen würde – und dass die stube sehr warm geheizt sein würde. – Diese ganz sinnlichen und tierischen Vorstellungen frischten die Lebenslust in ihm aufs neue wieder an – er vergass sich, so wie er sich nach der Hinrichtung der Missetäter vergessen hatte, ganz