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Das simple Abschreiben des Hauptinhalts brachte für ihn schon ein vorzügliches Interesse in die Sache – denn indem er nun das Blatt, auf welches er die in dem buch entaltenen Materien niedergeschrieben hatte, beim Lesen des Buches vor sich hinlegte, erhielt er dadurch den Vorteil, dass er bei dem Einzelnen nie das Ganze aus den Augen verlor, welches doch beim philosophischen Denken immer ein Haupterfordernis ist und auch die grösste Schwierigkeit macht. –
Alles, was er noch nicht durchdacht hatte, lag auf dieser Karte wie ein unbekanntes Land vor ihm, welches genauer kennen zu lernen er eine ordentliche sehnsucht empfand. –
Die Umrisse, das Fachwerk war durch die allgemeine Übersicht des Ganzen einmal in seiner Seele gemacht, er strebte nun von den Lücken, die er erst jetzt empfinden konnte, eine nach der andern auszufüllen. – Und dasjenige, was ihm erst blosse leere Namen gewesen waren, wurden nun allmählich vollgefüllte deutliche Begriffe, und wenn er nun eben den Namen wieder las oder wieder dachte und ihm auf einmal alles so licht und helle wurde, was ihm vorher dunkel und verworren gewesen war, so bemächtigte sich seiner ein so angenehmes Gefühl dabei, als er noch nie empfunden hatte – er schmeckte zuerst die Wonne des Denkens. –
Die immerwährende Begierde, das Ganze bald zu überschauen, leitete ihn durch alle Schwierigkeiten des Einzelnen hindurch. In seiner Denkkraft ging eine neue Schöpfung vor. – Es war ihm, als ob es erst in seinem verstand dämmerte und nun allmählich der Tag anbräche und er sich an dem erquickenden Lichte nicht satt sehen könnte. –
Er vergass hierüber fast Essen und Trinken und alles, was ihn umgab, und kam unter dem Vorwande von Kränklichkeit in einer Zeit von sechs Wochen fast gar nicht von seinem Boden herunter – in dieser Zeit sass er vom Morgen bis an den Abend mit der Feder in der Hand bei seinem buch und ruhete nicht eher, bis er vom Anfang bis zum Ende durch war.
Was hierbei seinen Eifer nie erlöschen liess, war, wie schon gesagt, das beständige Vor-Augen-halten des Hauptinhalts – und das immerwährende Unterordnen und Klassifizieren der Materien in seinem kopf sowohl als auf dem Papiere. –
Er brachte also diesen Sommer, ungeachtet seine äussern Verhältnisse sich eben nicht sehr verbessert hatten, doch ziemlich vergnügt zu.
Wenigstens musste er die einsamen Stunden, welche er auf dem Boden zubrachte, immer unter die glücklichsten seines Lebens zählen. – Auch war er überhaupt von nun an minder unglücklich, weil seine Denkkraft angefangen hatte, sich zu entwickeln. –
Wo er ging und stunde, da meditierte er jetzt, statt dass er vorher bloss phantasiert hatte – und seine Gedanken beschäftigten sich mit den erhabensten Gegenständen des Denkens – mit den Vorstellungen von Raum und Zeit, von der höchsten vorstellenden Kraft usw. –
Allein schon damals war es ihm oft, wenn er sich eine Weile im Nachdenken verloren hatte, als ob er plötzlich an etwas stiesse, das ihn hemmte und wie eine bretterne Wand oder eine undurchdringliche Decke auf einmal seine weitere Aussicht schloss – es war ihm dann, als habe er nichts gedacht – als Worte. –
Er stiess hier an die undurchdringliche Scheidewand, welche das menschliche Denken von dem Denken höherer Wesen verschieden macht, an das notwendige Bedürfnis der Sprache, ohne welche die menschliche Denkkraft keinen eignen Schwung nehmen kann – und welche gleichsam nur ein künstlicher Behelf ist, wodurch etwas dem eigentlichen reinen Denken, wozu wir dereinst vielleicht gelangen werden, ähnliches hervorgebracht wird.
Die Sprache schien ihm beim Denken im Wege zu stehen, und doch konnte er wieder ohne Sprache nicht denken. –
Manchmal quälte er sich stundenlang, zu versuchen, ob es möglich sei, ohne Worte zu denken. – Und dann stiess ihm der Begriff vom Dasein als die Grenze alles menschlichen Denkens auf – da wurde ihm alles dunkel und öde – da blickte er zuweilen auf die kurze Dauer seiner Existenz, und der Gedanke oder vielmehr Ungedanke vom Nichtsein erschütterte seine Seele – es war ihm unerklärlich, dass er jetzt wirklich sei und doch einmal nicht gewesen sein sollte – so irrte er ohne Stütze und ohne Führer in den Tiefen der Metaphysik umher. –
Manchmal, wenn er jetzt im Chore sang und, statt dass seine Mitschüler sich miteinander unterredeten, einsam vor sich wegging und diese dann hinter ihm sagten: da geht der Melancholikus! so dachte er über die natur des Schalles nach und suchte zu erforschen, was sich dabei mit Worten nicht ausdrücken liess. – Dies trat nun in die Stelle seiner vorigen romantischen Träume, womit er sich sonst so manche trübe Stunde verphantasiert hatte, wenn er an einem traurigen Wintertage in Schnee und Regen im Chore sang. –
Er liehe sich nun von dem Bücherantiquarius Wolfs Metaphysik und las auch die nach der einmal angefangenen Weise durch – und wenn er nun zu dem Schuster Schantz kam, so war der Stoff zu ihren philosophischen Gesprächen weit reichhaltiger wie vorher – und sie kamen von selbst auf alle die verschiedenen Systeme, welche von den Weltweisen der alten und neuern zeiten vorgetragen und immer von einer unzähligen Menge nachgebetet sind.
Während der Zeit war nun auch der Direktor Ballhorn, von dessen Freundschaft Reiser so viel gehofft hatte und so sehr in seiner Hoffnung getäuscht war, nach einer kleinen Stadt nicht weit von Hannover als Superintendent befördert worden und ein andrer namens Schumann an dessen Stelle gekommen. –
Diese Veränderung interessierte Reisern eben nicht sehr, der damals an nichts als an seine Metaphysik dachte. – Der neue