ziemlich sonderbar, weil er keinen einzigen Umstand seines Lebens und keinen einzigen von den Vorfallenheiten des Tages, er mochte so unbedeutend sein, wie er wollte, darin ausliess. – Da er nun nur lauter wirkliche begebenheiten und seine Phantasien, die er den Tag über hatte, nicht mit aufschrieb, so mussten die Erzählungen von den begebenheiten des Tages ebenso kahl und abgeschmackt und ohne alles Interesse sein, wie diese begebenheiten selbst waren. Reiser lebte im grund immer ein doppeltes, ganz voneinander verschiedenes inneres und äusseres Leben, und sein Tagebuch schilderte gerade den äussern teil desselben, der gar nicht der Mühe wert war, aufgezeichnet zu werden. – Den Einfluss der äussern – würklichen Vorfälle auf den inneren Zustand seines Gemüts zu beobachten, verstand Reiser damals noch nicht; seine Aufmerksamkeit auf sich selbst hatte noch nicht die gehörige Richtung erhalten. –
Indes verbesserte sich doch sein Tagebuch mit der Zeit, indem er anfing, nicht nur seine begebenheiten, sondern auch seine Vorsätze und Entschliessungen darin aufzuzeichnen, um nach einiger Zeit zu sehen, was er davon in Erfüllung gebracht hatte. – Er machte sich schon damals selber gesetz, die er in seinem Tagebuche aufschrieb, um sie in Erfüllung zu bringen. – Auch tat er sich selbst zuweilen feierliche Gelübde, z.B. früh aufzustehen, den Tag seine Stunden ordentlich einzuteilen und dergleichen mehr. –
Aber es war sonderbar – gerade die feierlichsten Vorsätze, welche er fasste, pflegten gemeiniglich am spätesten und kältesten in Erfüllung zu gehen – wenn es zur Ausführung im kleinen kam, so war das Feuer der Phantasie erloschen, womit er sich die Sache im ganzen und mit allen ihren angenehmen Folgen zusammengenommen gedacht hatte – wenn er sich hingegen alles schlechtweg und ohne allen Prunk und Feierlichkeit vornahm, so ging die Ausführung oft weit eher und besser vonstatten. –
An guten Vorsätzen war er unerschöpflich. – Dies machte ihn aber auch beständig mit sich selber unzufrieden, weil der guten Vorsätze zu viele waren, als dass er sich selber jemals hätte ein Genüge tun können. –
drei Tage, wo er einmal ununterbrochen mit sich zufrieden gewesen war, zeichnete er als eine grosse Merkwürdigkeit in seinem Leben auf, welche es auch wirklich für ihn war – denn diese drei Tage waren, fast so lange er denken konnte, die einzigen in ihrer Art. – Es war aber gerade diese drei Tage über ein glücklicher Zusammenfluss von Umständen, heiteres Wetter, gesundes Blut, freundiche Gesichter bei denen Personen, zu denen er kam, und wer weiss was mehr, wodurch ihm die Ausführung seiner guten Vorsätze nun merklich erleichtert wurde. –
Er nahm übrigens zu allerlei Mitteln seine Zuflucht, um sich fromm und tugendhaft zu erhalten. – Vorzüglich suchte er alle Morgen edle und gute Gesinnungen in sich zu erwecken, indem er Popens allgemeines Gebet, das er sich englisch aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, hersagte und wirklich, sooft er es sagte, dadurch gerührt und zu guten Vorsätzen und Entschliessungen aufs neue belebt wurde. – Dann hatte er eine Anzahl Lebensregeln aus einem buch ausgeschrieben, die er des Tages über zu gewissen bestimmten zeiten las – und ein paar Chorarien, welche etwas zur Tugend und Frömmigkeit vorzüglich Aufmunterndes hatten, wurden ebenfalls täglich zu bestimmten Stunden sehr gewissenhaft von ihm gesungen. –
Wären nun hiebei seine äussern Verhältnisse nur etwas günstiger und aufmunternder geworden, so hätte Reiser mit diesen Vorsätzen und Bestrebungen, die doch bei einem jungen Menschen in seinem Alter (er war damals etwas über sechszehn Jahr) wohl sehr selten sind, ein Muster von Tugend werden müssen.
Aber dies war es, was ihn immer wieder niederschlug, die Meinung der Menschen von ihm, welche er mit Gewalt nicht umändern konnte, und die doch ohnerachtet aller seiner Bestrebungen, ein bessrer Mensch zu werden, sich nicht ganz wieder zu seinem Vorteil lenken wollte – er schien es nun einmal zu sehr verdorben und zu sehr die Erwartung aller von ihm getäuscht zu haben, als dass er sich je die vorige achtung und Liebe der Menschen hätte wieder erwerben können. –
Insbesondre war ein Verdacht auf ihn gefallen, der ihn sehr unverdienterweise traf – dies war der Verdacht der Lüderlichkeit, weil er bei einem so lüderlichen Menschen, wie G ... war, gewohnt hatte. – Reiser war so weit hievon entfernt, dass ihm drei Jahre nachher, da er zufälligerweise ein anatomisches Buch zu sehen bekam, über gewisse Dinge ein Licht aufging, wovon damals seine Begriffe noch sehr dunkel und verworren waren.
Sein Lesen aber bei dem Bücherantiquarius und sein Komödiengehn wurde ihm am schlimmsten ausgeleget und immer noch für ein unverzeihliches Vergehen gehalten. –
Nun fügte es sich gerade, dass eine Gesellschaft Luftspringer nach Hannover kam, und weil ein Platz nur eine Kleinigkeit kostete, so ging er einen einzigen Abend hin, um diese halsbrechenden Künste mit anzusehen – man hatte ihn erblickt – und weil dies nun auch eine Art von Komödie war, so hiess es, sein alter Hang sei nun wieder erwacht, und es gehe kein Abend hin, dass er nicht den Schauplatz bei den Luftspringern besuchte; da trüge er nun wieder sein Geld hin – man sehe hieraus schon, dass doch nun nichts aus ihm werden würde. –
Seine stimme war viel zu ohnmächtig, um sich gegen die Aussage derer zu erheben, die ihn alle Abend bei den Luftspringern wollten gesehen haben – kurz, der einzige Abend, an welchem er hierher ging, brachte ihn wieder weiter in der Meinung der Menschen zurück, als ihn