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dem er in derselben stube wohnen und auf dem Boden schlafen musste. – Die Frau Filter und der Hofmusikus, welche in demselben haus wohnten, nahmen sich seiner wieder an, indem sie ihm wöchentlich einmal zu essen gaben. –

Die Frau Filter liess ihn das kleine Mädchen, welches sie bei sich hatte, im Schreiben und im Katechismus unterrichtener besuchte die Schule wieder regelmässig, man schöpfte wieder neue Hoffnung von ihmselbst der Prinz liess ihn zu sich kommen und sprach ihn in Gegenwart des Pastor Marquard, der das Geld zu seiner Unterstützung vom Prinzen für ihn in Empfang nahm und damit seine Schulden tilgte.

So ging nun alles wieder so weit gutund er fing nun an wieder fleissig zu seinobgleich seine äussere Situation auch hier seinem Studieren eben nicht zu günstig wardenn in der stube des Schneiders hatte er nichts wie sein angewiesenes Plätzchen, wo sein Klavier stand, das ihm zugleich zum Tische diente, und unter welchem er zugleich seine ganze Bibliotek in ein kleines Bücherbrett aufgestellt hatte. – Wenn er nun für sich las und arbeitete, so konnte er um sich her nicht Stille gebieten; und solange der Winter dauerte, war er doch genötigt, in der stube seines Wirts zu bleibenim Sommer zog er mit seinem Klavier und Büchern auf den Boden, wo er schlief und einsam und ungestört war. –

Er war kaum einige Wochen aus seinem vorigen Logis und von seinen vorigen Stubengesellschaftern G ... und M ... weggezogen, so ereignete sich ein fürchterlicher Vorfall, der ihn die Grösse und Nähe der Gefahr, in welcher er geschwebt hatte, sehr lebhaft empfinden liess. –

G ... wurde nämlich eines Tages, da er im Chore sang, auf öffentlicher Strasse in Verhaft genommen und sogleich geschlossen in eines der tiefsten Gefängnisse auf dem ... Tore gebracht, welches nur für die ärgsten Missetäter bestimmt ist. –

Reisern ergriff Beben und Entsetzen, da er ihn hinführen sahund was das sonderbarste war, so machte der Gedanke, man möchte ihn etwa für einen Mitschuldigen des noch unbekannten Verbrechens seines ehemaligen Stubengesellschafters halten, dass sich gerade solche Merkmale der Scham und Verwirrung bei ihm äusserten, als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen wäre so dass seine Angst beinahe so gross wurde, als ob er wirklich selbst ein Verbrechen begangen hätte. Dies war eine natürliche Folge seines von Kindheit an unterdrückten Selbstgefühls, das damals nicht stark genug war, den Urteilen anderer von ihm zu widerstehenhätte ihn jedermann für einen offenbaren Verbrecher gehalten, so würde er sich zuletzt vielleicht auch dafür gehalten haben. –

Endlich kam es denn heraus, dass sein ehemaliger Stubengesellschafter G ... einen Kirchenraub begangen, Tressen von Altardecken bei der Nacht entwendet und, um die in den Stühlen verwahrten mit Silber beschlagenen Gesangbücher zu stehlen, sogar Schlösser aufgebrochen hatte.

Das waren denn die Projekte gewesen, auf welche er ganze Tage hindurch auf dem Bette liegend gesonnen und gegrübelt hatte.

Den eigentlichen Kirchenraub aber hatte er erst verübt, nachdem Reiser schon von ihm weggegangen war, ob er gleich vorher sich schon verschiedener Diebereien schuldig gemacht hatte.

Auf sein Verbrechen stand nun eigentlich der Strangund Reisern wandelte immer die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal an, sooft er dachte, wie nahe er diesem Menschen gewesen war, und wie leicht er stufenweise von ihm zu einem Wagstück nach dem andern hätte verführt werden können, da mit der Expedition auf der Kirscheninsel schon ein so heroischer Anfang gemacht worden war. – Reiser würde in dem nächtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als Niederträchtiges gefunden haben, und es würde G ... vielleicht nicht schwerer geworden sein, ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf der Kirscheninsel zu bereden.

Wer weiss, ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewusstsein mit zu Reisers Verwirrung beitrug, sooft von G ... gesprochen wurdees deuchte ihm nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen, zu dem er hätte verleitet werden können, dass es ihm ging wie einem, dem vor einem Abgrunde schwindelt, von welchem er noch weit genug entfernt ist, um nicht hereinzustürzen, der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam hingezogen fühlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt. –

Die leichte Möglichkeit, an G ...s Verbrechen teilzunehmen, welche Reiser bei sich empfand, erweckte bei ihm fast ein ähnliches Gefühl, als ob er wirklich daran teilgenommen hätte, woraus sich also seine Angst und Verwirrung sehr gut erklären lässt.

Indes kam es mit G ... so weit nicht, dass er gehangen wurde, sondern nachdem er einige Monate im Gefängnis gesessen hatte, ward sein Urteil dahin gemildert, dass er über die Grenze gebracht und des Landes verwiesen wurde. – Reiser hat von seinem Schicksale nachher nichts weiter erfahren können. – So endigte es sich also mit dem eigentlichen sterbenden Sokrates, von welchem Reiser so lange den Spottnamen tragen musste, da er doch nicht den sterbenden Sokrates selbst, sondern nur einen unbedeutenden Freund desselben vorgestellt hatte, der nicht viel mehr tat, als dass er in einem Winkel stand und weinte, indes der sterbende Sokrates zur Rührung aller Zuschauer den Giftbecher trinken und sich auf dem Todbette noch in dem glänzendsten Lichte zeigen konnte.

Reiser hatte damals schon seit länger als einem Jahre angefangen, sich ein Tagebuch zu machen, worin er alles, was ihm begegnete, aufschrieb. – Dies Tagebuch geriet denn