schon in seinen Gedanken entworfen, und nun trug er sich beständig mit dieser idee herum, wo er ging und stunde; bis zu dem Tage, wo er bei dem Pastor Marquard sollte vorgelassen werden. –
Allein während der Zeit ereignete sich für ihn ein höchst verdriesslicher Umstand. – Sein Vater hatte von seinem Zustande gehört und war nach Hannover herübergekommen, um Fürbitte für ihn einzulegen, welches Reisern deswegen höchst unangenehm war, weil er keiner fremden Fürsprache zu bedürfen glaubte, sondern sich selbst schon für fähig genug hielt, durch seine affektvolle Anrede, die er sich erlernt hatte, das Herz des Pastor Marquard zu rühren. –
Endlich erwachte er zu dem wichtigen Tage, wo er den Pastor Marquard sprechen sollte – – und seine Phantasie ging nun mit lauter grossen Dingen schwanger – wie er voll Reue und Verzweiflung sich dem Pastor Marquard zu Füssen werfen – und dieser ihn dann gerührt aufheben – und ihm verzeihen würde. –
Und da er nun endlich in das Haus des Pastor Marquard kam und sich diesem so lange vorbereiteten Auftritte mit schauervoller sehnsucht näherte; indem er draussen wartete, bis man ihn hereinrufen würde, kam endlich der Bediente heraus und sagte ihm, er solle nur hereinkommen, sein Vater sei schon bei dem Pastor Marquard.
Diese Nachricht war ein Donnerschlag für ihn – er stand eine Weile wie betäubt da – in dem Augenblick scheiterte sein ganzer Plan – er wollte den Pastor Marquard ohne Zeugen sprechen denn nur ohne Zeugen fühlte er sich imstande, die ganze Szene mit dem Niederknieen vor dem Pastor Marquard und der rührenden und patetischen Anrede an ihn zu spielen. – In Gegenwart eines Dritten und vorzüglich in Gegenwart seines Vaters vor dem Pastor Marquard niederzuknieen, war ihm unmöglich. –
Er schickte den Bedienten wieder herein und liess sagen, er müsste den Pastor Marquard notwendig allein sprechen. – Dies Gespräch wurde ihm abgeschlagen, und statt der glänzenden und rührenden Szene, die er zu spielen dachte, musste er nun, indem er hereintrat, ohne ein einziges Wort von seiner ganzen längstentworfenen Anrede vorbringen zu können, durch die Gegenwart seines Vaters bis zur Verachtung gedemütigt, wie ein Missetäter dastehen. –
Es bemächtigte sich seiner hiebei ein Gefühl, das er in seinem Leben noch nicht gekannt hatte – seinen Vater neben sich in bittender Stellung vor dem Pastor Marquard stehen zu sehen, war ihm unerträglich – alles in der Welt hätte er darum gegeben, dass dieser in dem Augenblick hundert Meilen weit entfernt gewesen wäre. –
Er fühlte sich in seinem Vater doppelt gedemütigt und beschämt – und dann kam der Verdruss dazu, dass ihm die ganze Fussfallszene misslungen war – alles ging nun so kalt, so gemein, so gewöhnlich zu – – Reiser stand so unausgezeichnet wie ein ganz gemeiner, alltäglicher Bösewicht da, dem man über sein Betragen die verdienten Vorwürfe macht – und er wollte sich doch selbst als einen recht grossen Bösewicht schildern und selbst die härteste Strafe für sein Verbrechen nun auf sich herab erbitten. –
Allein kein Zufall in seinem Leben fügte sich vielleicht mehr zu seinem wahren Vorteil als eben dieser. – Wäre es ihm diesmal mit der angelegten Szene gelungen, wer weiss, wozu er in der Folge noch geschritten, und was für Rollen er würde gespielt haben. Vielleicht war dies eben der entscheidende Augenblick, wo sein Schicksal, ob er ein Heuchler und Spitzbube werden oder ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch bleiben sollte, auf der Spitze stand. –
Die ganze Fussfallszene wäre doch im grund, obgleich nicht offenbare Heuchelei und Verstellung, doch wenigstens Affektation gewesen, und der Übergang von der Affektation zur Heuchelei und Verstellung, wie leicht ist der! –
Es war gewiss eine wahre Wohltat für Reisern, dass der Pastor Marquard alle die überspannten Ausdrücke in seinem Briefe keiner Aufmerksamkeit würdigte und, statt dadurch gerührt zu sein, sie lächerlich fand und sie für die unreife Geburt einer durch Romanen und Komödienlektüre erhitzten Phantasie erklärte; mit dem Beifügen, wenn Reiser wirklich so ein Bösewicht wäre, als er sich in dem Briefe geschildert hätte, so würde er sich nicht das mindeste mehr um ihn bekümmern, sondern ihn als ein Ungeheuer verabscheuen. –
Und statt sich nun weiter in Erklärungen einzulassen, dass ihm das Vergangene verziehen sein solle, wenn er künftig sich anders betrüge und dergleichen, kam der Pastor Marquard auf eine gar nicht empfindsame Art sogleich auf Reisers zerrissene Schuhe und Strümpfe und auf die Schulden, die er gemacht hatte, und wie diese nun bezahlt und seine zerrissenen Kleidungsstücke wieder hergestellt wurden sollten. – Nicht einmal zu feierlicher Angelobung künftiger Besserung oder so etwas Rührendem liess er Reisern kommen. – Sein ganzes Benehmen gegen ihn, ob er sich gleich seiner nun wieder annahm, war rauh und hart – aber eben dies rauhe und harte Betragen war es, was Reisern aus seinem Schlummer weckte und ihn aus seiner idealischen Romanen und Komödienwelt wieder in die wirkliche Welt versetzte, insbesondere, da ihm sein Roman, den er mit dem Pastor Marquard zu spielen gedachte, misslungen war und er doch nun auch wieder aus seinem schrecklichen Zustande durch keine leere Phantasie, ein Bauer zu werden und dergleichen, sondern wirklich herausgerissen werden sollte. –
Unzählige gute Vorsätze und Entschliessungen drängten sich nun mit dieser Wendung seines Schicksals in seiner Seele wieder empor, die misslungene Fussfallszene schmerzte ihn zwar noch immer; endlich aber söhnte er sich auch darüber mit dem Schicksal aus – und so fing nun eine neue Epoche seines Lebens an. –
Er zog von dem Bürstenbinder aus und wurde bei einem Schneider eingemietet, bei