1785_Moritz_072_71.txt

Tag war so trübe und öde; alle seine äussern Verhältnisse waren so unwiederbringlich zerrüttet; ein unüberwindlicher Lebensüberdruss trat an die Stelle der gestrigen Empfindung, womit er einschliefer suchte sich vor sich selbst zu retten und machte den Anfang tugendhaft zu sein damit, dass er auf den Boden ging und in Schlachtordnung gestellte Kirschkerne zerschmetterte. –

Dies nun zu unterlassen und statt dessen etwa in dem alten Virgil, den er noch hatte, eine Ekloge zu lesen, wäre der eigentliche Anfang zur Ausübung der Tugend gewesenaber auf diesen zu geringfügig scheinenden Fall hatte er sich bei seinem heldenmütigen Entschlusse nicht gefasst gemacht.

Wenn man die Begriffe der Menschen von der Tugend prüfen wollte, so würden sie vielleicht bei den meisten auf ebensolche dunkle und verworrene Vorstellungen hinauslaufenund man sieht wenigstens hieraus, wie unnütz es ist, im allgemeinen und ohne Anwendung auf ganz besondre und oft geringfügig scheinende Fälle von Tugend zu predigen. –

Reiser wunderte sich damals oft selbst darüber, wie seine plötzliche Anwandlung von Tugendeifer so bald verrauchen und gar keine Spur zurücklassen konnteaber er erwog nicht, dass Selbstachtung, welche sich damals bei ihm nur noch auf die achtung anderer Menschen gründen konnte, die Basis der Tugend istund dass ohne diese das schönste Gebäude seiner Phantasie sehr bald wieder zusammenstürzen musste.

Sooft es ihm während dieses Zustandes noch möglich gewesen war, einige Groschen zusammenzubringen, so oft hatte er sie auch in die Komödie getragenda aber die Schauspielergesellschaft in der Mitte des Sommers wieder wegzog, so war nun eine Wiese vor dem neuen Tore nicht nur das Ziel seiner Spaziergänge, sondern fast sein immerwährender Aufentalter lagerte sich hier zuweilen den ganzen Tag auf einen Fleck im Sonnenschein hin oder ging längs dem Flusse spazieren und freute sich vorzüglich, wenn er in der heissen Mittagsstunde keinen Menschen um sich her erblickte. –

Indem er hier ganze Tage lang seinen melancholischen Gedanken nachhing, näherte sich seine Einbildungskraft unvermerkt mit grossen Bildern, welche sich erst ein Jahr nachher allmählich zu entwickeln anfingen. –

Sein Lebensüberdruss aber wurde dabei aufs äusserste getrieben oft stand er bei diesen Spaziergängen am Ufer der Leine, lehnte sich in die reissende Flut hinüber, indes die wunderbare Begier zu atmen mit der Verzweiflung kämpfte und mit schrecklicher Gewalt seinen überhängenden Körper wieder zurückbog. –

Dritter teil

Vorrede

(1786)

Mit dem Schluss dieses Teils heben sich Anton Reisers Wanderungen und mit ihnen der eigentliche Roman seines Lebens an. Das in diesem teil Entaltne ist eine getreue Darstellung der Szenen seiner Jünglingsjahre, welche andern, denen diese unschätzbare Zeit noch nicht entschlüpft ist, vielleicht zur Lehre und Warnung dienen kann. Vielleicht entält auch diese Darstellung manche nicht ganz unnütze Winke für Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer und in ihrem Urteil über dieselben gerechter und billiger zu sein! Auf diese Weise brachte er zwölf schreckliche Wochen seines Lebens zu, bis ihn endlich der Pastor Marquard durch die dritte Hand selbst wissen liess, dass er sich seiner wieder annehmen wolle, sobald er sich zur ernstlichen Abbitte und Reue über sein Betragen bequemte.

Dies erweichte endlich sein Herz, da er überdem seines hartnäckigen Trotzes und des darauffolgenden langwierigen Elendes müde war. Er setzte sich hin und schrieb einen langen Brief an den Pastor Marquard, worin er sich selbst mit der grössten Erbitterung gegen sich herabsetztesich als den unwürdigsten Menschen schilderte, den je die Sonne beschienen habe – – und sich kein besser Schicksal prophezeite, als dass er dereinst vor Armut und Dürftigkeit unter freiem Himmel das Ende seines Lebens finden würde – – Kurz, dieser Brief war in den überspanntesten Ausdrücken der Selbstverachtung und Selbsterabwürdigung, die man sich nur denken kann, abgefasst und war doch nichts weniger als Heuchelei. –

Reiser hielt sich wirklich damals für ein Ungeheuer von Bosheit und Undankbarkeit und schrieb den ganzen Brief an den Pastor Marquard mit einer Erbitterung gegen sich selbst nieder, wie sie vielleicht nur bei irgendeinem Menschen möglich ist – – er dachte nicht daran, sich zu entschuldigen, sondern sich noch immer mehr anzuklagen. –

Indes sah er doch so viel ein, dass die Wut, Romanen und Komödien zu lesen und zu sehen, die nächste Veranlassung seines gegenwärtigen Zustandes waraber wodurch ihm das Lesen von Romanen und Komödien zu einem so notwendigen Bedürfnis geworden waralle die Schmach und die Verachtung, wodurch er schon von seiner Kindheit aus der wirklichen in eine idealische Welt verdrängt worden wardarauf zurückzugehen hatte seine Denkkraft damals noch nicht Stärke genug, darum machte er sich nun selbst unbilligere Vorwürfe, als ihm vielleicht irgendein anderer würde gemacht habenin manchen Stunden verachtete er sich nicht nur, sondern er hasste und verabscheuete sich. –

Die beichte, welche er daher dem Pastor Marquard in dem an ihn gerichteten Briefe ablegte, war schrecklich und einzig in ihrer Artso dass der Pastor Marquard erstaunte, da er sie lasdenn vielleicht war ihm in seinem Leben nie so gebeichtet worden. –

Da Reiser diesen Brief abgegeben hatte, so wartete er nur darauf, wann er bei dem Pastor Marquard würde vorgelassen werden; und es wurde ihm ein Tag bestimmt, welchem er nun mit sonderbaren, vermischten Empfindungen von Furcht und Hoffnung und resignierter Verzweiflung entgegensahe. –

Er hatte sich dabei auf eine sehr teatralische Szene gefasst gemacht, die ihm aber gänzlich missling. – Er wollte nämlich dem Pastor Marquard zu Füssen fallen und seinen ganzen Zorn auf sich herab erbitten. – Die ganze Anrede an ihn hatte er sich