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auf die Hand gestützt, und dachten über ihr Schicksal nach; oft trennten sie sich, und ein jeder liess für sich seiner Laune freien LaufReiser ging auf den Boden und musterte seine Kirschkerne – M ... ging bei sein grosses Brot, das er sorgfältig in einem Koffer verschlossen hatteund G ... lag auf dem Bette und machte Projekte, die denn nicht die besten waren, wie sich bald nachher zeigte. – Zwei Bücher las doch Reiser damals, weil er kein anders hatte, zu verschiedenen Malen durch, indem er auf dem Boden zwischen seinen Kirschkernen sassdas waren die Werke des Philosophen von Sanssouci und Popens Werke nach Duschens Übersetzung, die er beide von dem Schuster Schantz geliehen bekommen hatte.

Diese drei Leute gingen nun auch eines Tages zusammen in einer schönen Gegend von Hannover längs dem Fluss spazieren, in welchem sich eine kleine Insel erhob, die ganz voller Kirschbäume stand. –

Für unsre drei Abenteurer waren diese Kirschbäume, die alle voll der schönsten Kirschen sassen, ein so einladender Anblick, dass sie sich des Wunsches nicht entalten konnten, auf diese Insel versetzt zu sein, um sich an dieser herrlichen Frucht nach Gefallen sättigen zu können.

Nun fügte es sich gerade, dass eine Menge Flossholz den Fluss hinuntergeschwommen kam, welches sich in der Verengung des Flusses zwischen dem Ufer und der Insel zuweilen stopfte und eine anscheinende brücke bis zu der Insel bildete.

Unter G ...s Anführung, der in der Ausführung solcher Projekte schon geübt zu sein schien, wurde nun ein Wagestück unternommen, das leicht allen dreien das Leben hätte kosten können. – Sie zogen nämlich da, wo das Flossholz sich gestopft hatte, ein Stück nach dem andern aus dem wasser heraus und trugen es alle auf einen Fleck, wo ihnen die Passage über den Fluss zwischen dem Ufer und der Insel am engsten zu sein schien, und nun bauten sie die brücke, worüber sie gehen wollten, erst vor sich her, indem sie ein Stück Holz nach dem andern vor sich hinwarfen, um festen Fuss zu fassennatürlicherweise musste diese brücke unter ihnen zu sinken anfangen, und sie kamen sehr tief ins wasser, ehe sie kaum die Hälfte ihres gefährlichen Weges zurückgelegt hattenendlich landeten sie denn doch, obgleich mit Lebensgefahr, auf der Insel an. –

Und nun bemächtigte sich aller dreier auf einmal ein Geist des Raubes und der Gier, dass ein jeder über einen Kirschbaum herfiel und ihn mit einer Art von Wut plünderte. –

Es war, als hätte man eine Festung mit Sturm erobert; man wollte für die überstandene Gefahr, die man sich selbst gemacht hatte, Ersatz haben und dafür belohnt sein.

Da man sich sattgegessen hatte, wurden alle Taschen, Schnupftücher, Halstücher, Hüte, und was nur etwas in sich fassen konnte, von Kirschen vollgestopftund in der Dämmerung wurde der Rückweg über die gefährliche brücke, wovon indes schon ein teil weggeschwommen war, wieder angetreten und ungeachtet der Beute, womit die Abenteurer belastet waren, mehr durch Zufall als Geschicklichkeit oder Behutsamkeit, glücklich geendet.

Reiser fand sich zu dergleichen Expeditionen gar nicht übel aufgelegtdies deuchte ihm eigentlich nicht Diebstahl, sondern nur gleichsam eine Streiferei in ein feindliches Gebiet zu sein, die wegen des Muts, der dabei erfordert wird, immer noch eine ehrenvolle Sache ist. –

Und wer weiss, zu welchen Wagestücken von der Art er noch unter G ...s Anführung mit geschritten wäre, wenn er länger bei diesem gewohnt hätte. –

Allein dieser G ... gehörte denn doch im grund mehr zu den abgefeimten als zu den herzhaften Parteigängerndenn er war niederträchtig genug, selbst seine beiden Stubengesellschafter und gefährten, Reisern und M ..., zu bestehlen, indem er ihnen ein paar Bücher und andre Sachen, die sie noch hatten, nahm und heimlich verkaufte, wie sich nachher zeigte. – Kurz, dieser G ..., mit dem Reiser so nahe zusammen wohnte, war im grund ein abgefeimter Spitzbube, der, wenn er den ganzen Tag über auf dem Bette lag und nachsann, auf nichts als Bübereien dachte, die er ausführen wollteund der demohngeachtet von Tugend und Moralität sprechen konnte wie ein Buch, wodurch er Reisern zuerst eine solche Ehrfurcht gegen ihn eingeflösst hatte.

Denn von der Tugend hatte er sich damals ein sonderbares Ideal gemacht, welches seine Phantasie so sehr einnahm, dass ihn oft schon der Name Tugend bis zu Tränen rührte. –

Er dachte sich aber unter diesem Namen etwas viel zu Allgemeines und dachte dies Allgemeine viel zu dunkel und mit zu weniger Anwendung auf besondre Vorfälle, als dass es ihm je hätte gelingen können, auch den aufrichtigsten Vorsatz, tugendhaft zu sein, auszuführendenn er dachte immer nicht daran, wo er nun eigentlich anfangen sollte. –

Einmal kam er an einem schönen Abend von einem einsamen Spaziergang zu haus, und der Anblick der natur hatte sein Herz zu sanften Empfindungen geschmolzen, dass er viele Tränen vergoss und sich in der Stille gelobte, von nun an der Tugend ewig getreu zu sein! – und da er diesen Vorsatz fest gefasst hatte, so empfand er ein so himmlisches Vergnügen über diesen Entschluss, dass es ihm nun fast unmöglich schien, je von diesem beglückenden Vorsatze wieder abzuweichen. – Mit diesen Gedanken schlief er einund da er am Morgen erwachte, so war es wieder so leer in seinem Herzen; die Aussicht auf den