wodurch es ihm gelang, sich vom Verhungern zu retten. –
Er bat sich nämlich für einen Hund, den er bei sich zu haus zu haben vorgab, von seinem Vetter die harte Kruste von dem Teig aus, worin das Haar zu den Perücken gebacken wurde, und diese Kruste nebst dem Freitische bei dem Schuster Schantz und dem warmen wasser, das er trank, war es nun, womit er sich hinhielt.
Wenn nun sein Körper einige Nahrung erhalten hatte, so fühlte er ordentlich zuweilen wieder etwas Mut in sich. – Er hatte noch einen alten Virgil, den ihm der Bücherantiquarius nicht hatte abkaufen wollen; in diesem fing er an, die Eklogen zu lesen. – Aus einer Wochenschrift, die Abendstunden, die er sich von Philipp Reisern geliehen hatte, fing er an, ein Gedicht, der Gottesleugner, das ihm vorzüglich gefiel, und einige prosaische Aufsätze auswendig zu lernen. – Aber mit dem bald wieder fühlbaren Mangel an Nahrung erlosch auch dieser aufglimmende Mut wieder, und dann war die Tätigkeit seiner Seele wie gelähmt. – Um sich vor dem Zustande des tödlichen Aufhörens aller Wirksamkeit zu retten, musste er zu kindischen Spielen wieder eine Zuflucht nehmen, insodern dieselben auf Zerstörung hinausliefen.
Er machte sich nämlich eine grosse Sammlung von Kirsch – und Pflaumenkernen, setzte sich damit auf den Boden und stellte sie in Schlachtordnung gegeneinander – die schönsten darunter zeichnete er durch Buchstaben und Figuren, die er mit Tinte darauf malte, von den übrigen aus und machte sie zu Heerführern – dann nahm er einen Hammer und stellte mit zugemachten Augen das blinde Verhängnis vor, indem er den Hammer bald hie, bald dortin fallen liess – wenn er dann die Augen wieder eröffnete, so sah er mit einem geheimen Wohlgefallen die schreckliche Verwüstung, wie hier ein Held und dort einer mitten unter dem unrühmlichen Haufen gefallen war und zerschmettert dalag – dann wog er das Schicksal der beiden Heere gegen einander ab und zählte von beiden die Gebliebenen.
So beschäftigte er sich oft den halben Tag – und seine ohnmächtige kindische Rache am Schicksal, das ihn zerstörte, schuf sich auf die Art eine Welt, die er wieder nach Gefallen zerstören konnte. – So kindisch und lächerlich dieses Spiel jedem Zuschauer würde geschienen haben, so war es doch im grund das fürchterlichste Resultat der höchsten Verzweiflung, die vielleicht nur je durch die Verkettung der Dinge bei einem Sterblichen bewirkt wurde. –
Man sieht aber auch hieraus, wie nahe damals sein Zustand an Raserei grenzte – und doch war seine Gemütslage wieder erträglich, sobald er sich nur erst wieder für seine Kirsch – und Pflaumensteine interessieren konnte – ehe er aber auch das konnte; wenn er sich hinsetzte und mit der Feder Züge aufs Papier malte oder mit dem Messer auf den Tisch kritzelte – das waren die schrecklichsten Momente, wo sein Dasein wie eine unerträgliche Last auf ihm lag, wo es ihm nicht Schmerz und Traurigkeit, sondern Verdruss verursachte – wo er es oft mit einem fürchterlichen Schauder, der ihn antrat, von sich abzuschütteln suchte. – Seine Freundschaft mit Philipp Reisern konnte ihm damals nicht zustatten kommen, weil es jenem nicht viel besser ging – und so wie zwei Wandrer, die zusammen in einer brennenden Wüste in Gefahr vor Durst zu verschmachten sind, indem sie forteilen, eben nicht imstande sind, viel zu reden und sich wechselsweise Trost einzusprechen, so war dies auch jetzt der Fall zwischen Anton Reisern und Philipp Reisern.
Allein eben der G ..., welcher einst den sterbenden Sokrates gespielt hatte, wovon Reiser noch immer den Spottnamen trug, entschloss sich, bei ihm zu ziehen, und war auch gerade in denselben Umständen wie Reiser, nur mit dem Unterschiede, dass er durch wirkliche Liederlichkeit hineingeraten war – an ihm fand also Reiser nun einen würdigen Stubengesellschafter.
Es dauerte nicht lange, so zog auch der Bauernsohn, namens M., zu diesen beiden, der ebenfalls in keinen bessern Umständen war. – Es fand sich also hier eine Stubengesellschaft von drei der ärmsten Menschen zusammen, die vielleicht nur je zwischen vier Wänden eingeschlossen waren. –
Mancher Tag ging hin, wo sie sich alle drei mit nichts als gekochtem wasser und etwas Brot hinhielten. – Indes hatten G ... und M ... doch noch einige Freitische. –
G ... war im grund ein Mensch von Kopf, der sehr gut sprach, und gegen den Reiser sonst immer viel achtung empfunden hatte.
Einmal bekamen beide auch noch eine Anwandlung von Fleiss und fingen an, Virgils Eklogen zusammen zu lesen, wobei sie wirklich das reinste Vergnügen genossen, nachdem sie eine Ekloge mit vieler Mühe für sich selbst herausgebracht hatten, und nun ein jeder eine Übersetzung davon niederschrieb – allein dies konnte natürlicherweise unter den Umständen nicht lange dauern – sobald ein jeder seine Lage wieder lebhaft empfand, so war aller Mut und Lust zum Studieren verschwunden. –
In Ansehung der Kleidung war es mit G ... und M ... ebenso schlecht wie mit Reisern bestellt – sie machten daher, wenn sie ausgingen, zusammen einen Aufzug, der das wahre Bild der Liederlichkeit und Unordnung schien, so dass man mit Fingern auf sie wies, weswegen sie denn auch immer auf Abwegen und durch enge Strassen aus der Stadt zu kommen suchten, wenn sie spazieren gingen.
Diese drei Leute führten nun auch völlig ein Leben, wie es mit ihrem Zustande übereinstimmte – sie blieben oft den ganzen Tag im Bette liegen – oft sassen sie alle drei zusammen, den Kopf