unter allen übrigen auszeichnet. –
In dem stand, worin sich Reiser begeben, war er nun einmal ganz zurückgesetzt, und es schien ihm unmöglich, sich je wieder darin emporzuarbeiten. – Allein für einen Bauer hatte doch sein Geist einmal weit mehr Bildung erhalten, als es sonst zu diesem stand bedarf – als Bauer war er über seinen Stand erhoben, als ein junger Mensch, der sich dem Studieren widmet und Aussichten haben soll, fand er sich weit unter seinen Stand erniedrigt. Die idee, ein Bauer zu werden, wurde also nun bei ihm die herrschende und verdrängte eine Zeitlang alles übrige. –
Nun besuchte damals eines Bauern Sohn, namens M ..., die Schule, dem er im Lateinischen zuweilen einigen Unterricht gegeben hatte – diesem sagte er seinen Entschluss, ein Bauer zu werden, worauf ihm dann derselbe eine detaillierte Schilderung von den eigentlichen arbeiten eines Bauernknechtes machte, die Reisern seine schönen Träume wohl hätten verderben können, wenn seine Phantasie nicht zu stark dagegen angewürkt und nur immer die angenehmen Bilder mit Gewalt nebeneinander gestellt hätte. – Sonst kommt auch selbst in der Operette Klarissa schon eine Stelle vor, wo ein Bauer dem jungen Edelmann, der ihm sein Gütchen abkaufen will, von seinem Vorsatz abrät – und am Ende eine sehr ausdrucksvolle Arie singt, wie der Landmann gerade im besten arbeiten begriffen ist, und auf einmal steigt ein Gewitter auf:
Die Blitze schiessen,
Die Donner rollen,
Und der Landmann geht verdriesslich,
Verdriesslich zu haus. –
Das 'verdriesslich' insbesondere war durch die Musik so ausgedrückt, dass die ganze Zauberei der Phantasie schon durch dies einzige Wort hätte zerstört werden können – welches gleichsam das Gegengift aller Empfindsamkeit und hohen Schwärmerei ist, womit das Schmerzhafte, das Schreckliche, das Niederbeugende, das in Zorn Setzende, aber nur das Verdriesslichmachende nicht wohl bestehen kann.
Aber dies Gegengift half bei Reisern nicht – er ging ganze Tage einsam für sich umher und dachte darauf, wie er es machen wollte, ein Bauer zu werden, ohne doch in der Tat einen Schritt dazu zu tun – vielmehr fing er an, sich in diesen süssen Schwärmereien selbst wieder zu gefallen – wenn er sich nun als Bauer dachte, so glaubte er sich doch zu etwas Besserm bestimmt zu sein und empfand über sein Schicksal wieder eine Art von tröstendem Mitleid mit sich selbst.
Solange ihn nun diese Phantasie noch emporhielt, war er nur schwermutsvoll und traurig, aber nicht eigentlich verdriesslich über seinen Zustand. – Selbst seine Entbehrung der notwendigsten Bedürfnisse machte ihm noch eine Art von Vergnügen, indem er nun beinahe glaubte, dass er für sein Verschulden doch zu sehr büssen müsse, und also noch die süsse Empfindung des Mitleids mit sich selbst behielt. –
Endlich aber, nachdem er zum ersten Male drei Tage ohne zu essen zugebracht und sich den ganzen Tag über mit Tee hingehalten hatte, drang der Hunger mit Ungestüm auf ihn ein, und das ganze schöne Gebäude seiner Phantasie stürzte fürchterlich zusammen – er rannte mit dem kopf gegen die Wand, wütete und tobte und war der Verzweiflung nahe, da sein Freund Philipp Reiser, den er so lange vernachlässigt hatte, zu ihm hereintrat und seine Armut, die freilich auch nur in einigen Groschen bestand, mit ihm teilte. –
Indes war dies nur ein sehr geringes Palliativ – denn Philipp Reiser befand sich damals in nicht viel bessern Umständen als Anton Reiser.
Dieser geriet nun wirklich in einen fortdaurenden fürchterlichen Zustand, der der Verzweiflung nahe war.
Sowie sein Körper immer weniger Nahrung erhielt, verlosch allmählich seine ihn sonst noch belebende Phantasie, und sein Mitleid über sich selbst verwandelte sich in Hass und Bitterkeit gegen sein eigenes Wesen. Ehe er nun einen Schritt zu der Verbesserung seines Zustandes getan oder sich an irgendeinen Menschen nur mit dem Schein einer Bitte gewandt hätte, unterwarf er sich lieber freiwillig mit der beispiellosesten Hartnäckigkeit dem schrecklichsten Elende. –
Denn mehrere Wochen hindurch ass er wirklich die Woche eigentlich nur einen einzigen Tag, wenn er zum Schuster Schantz ging, und die übrigen Tage fastete er und hielt mit nichts als Tee oder warmen wasser, das einzige, was er noch umsonst erhalten konnte, sein Leben hin. – Mit einer Art von schrecklichem Wohlbehagen sah er seinen Körper eben so gleichgültig wie seine Kleider von Tage zu Tage abfallen.
Wenn er auf der Strasse ging und die Leute mit Fingern auf ihn zeigten und seine Mitschüler ihn verspotteten und hinter ihm her zischten und Gassenbuben ihre Anmerkungen über ihn machten – so biss er die Zähne zusammen und stimmte innerlich in das Hohngelächter mit ein, das er hinter sich her erschallen hörte. –
Wenn er aber dann wieder zum Schuster Schantz kam, so vergass er doch alles wieder. – Hier fand er Menschen, hier wurde auf einige Augenblicke sein Herz erweicht, mit der Sättigung seines Körpers erhielt seine Denkkraft und seine Phantasie wieder einen neuen Schwung, und mit dem Schuster Schantz kam wieder ein philosophisches Gespräch auf die Bahn, welches oft stundenlang dauerte, und wobei Reiser wieder an zu atmen fing und sein Geist wieder Luft schöpfte – dann sprach er oft in der Hitze des Disputierens über einen Gegenstand so heiter und unbefangen, als ob nichts in der Welt ihn niedergedrückt hätte. – Von seinem Zustande liess er sich nicht eine Silbe merken. –
Selbst bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, beklagte er sich nie, wenn er zu ihm kam, und ging weg, sobald er sah, dass gegessen werden sollte – aber eines Kunstgriffes bediente er sich doch,