truppe zusammenbrachte.
Man kann nun leicht schliessen, wie Romeo und Julie, die Rache von Young, die Oper Klarisse, Eugenie, welche Stücke auf Reisern den stärksten Eindruck machten, gegeben werden mussten. –
Dies hatte nun auch so sehr alle seine Gedanken eingenommen, dass er alle Morgen den Komödienzettel gleichsam verschlang und alles, auch das: der Anfang ist präzise um halb sechs Uhr und der Schauplatz ist auf dem königlichen Schlossteater, gewissenhaft mitlas – und für einen vorzüglichen Schauspieler, den er etwa auf der Strasse erblickte, fast so viel Ehrfurcht wie ehemals gegen den Pastor Paulmann in Braunschweig empfand. – Alles, was zum Teater gehörte, war ihm ehrwürdig, und er hätte viel darum gegeben, nur mit dem Lichtputzer Bekanntschaft zu haben.
Vor zwei Jahren hatte er schon den Herkules auf dem Oeta, den Grafen von Olsbach und die Pamela spielen sehen, wo Ekhof, Böck, Günter, Hensel, Brandes nebst seiner Frau und die Seilerin die vorzüglichsten Rollen spielten, und schon von jener Zeit her schwebten die rührendsten Szenen aus diesen Stücken noch seinem Gedächtnis vor, worunter Günter als Herkules, Böck als Graf von Olsbach und die Brandes als Pamela fast jeden Tag wechselsweise einmal in seine Gedanken gekommen waren – und mit diesen Personen hatte er denn auch bis zur Ankunft der Ackermannschen truppe die Stücke, die er las, in seiner Phantasie grösstenteils aufgeführt. –
Es fügte sich also gerade bei ihm, dass er, wenn jene mit diesen zusammengenommen wurden, nun alle die vorzüglichsten Schauspieler Deutschlands zu sehen bekommen hatte, die jetzt in ganz Deutschland zerstreut sind. –
Dadurch bildete sich ein Ideal von der Schauspielkunst in ihm, das nachher nirgends befriedigt wurde und ihm doch weder Tag und Nacht Ruhe liess, sondern ihn unaufhörlich umhertrieb und sein Leben unstät und flüchtig machte. –
Weil er ehemals Böck und jetzt Brockmannen die Rollen spielen sah, wobei am meisten geweint wurde, so waren diese auch seine Lieblingsakteurs, mit denen sich seine Gedanken immer am meisten beschäftigten. –
Allein bei alle den glänzenden Szenen, die aus der Teaterwelt beständig seiner Phantasie vorschwebten, wurden seine äussern Umstände von Tage zu Tage zu schlechter. – Er verlor immer mehr in der achtung der Menschen, geriet immer tiefer in Unordnung, – seine Kleidung und Wäsche wurden immer schlechter, so dass er am Ende Scheu trug, sich vor Menschen sehen zu lassen – er versäumte daher, so oft er konnte, die Schule und das Chor und hungerte lieber, als dass er irgendeinen seiner noch übrigen Freitische besucht hätte, ausgenommen den bei dem Schuster Schantz, wo er auch unter diesen misslichen Umständen noch immer gastfreundlich empfangen und mit der liebreichsten Art bewirtet wurde. –
Da nun dem Rektor endlich Reisers inkorrigible Unordnung und insbesondere das immerwährende späte Zuhausekommen aus der Komödie unausstehlich wurde, so sagte er ihm das Logis auf. –
Reiser hörte die Ankündigung des Rektors, dass er zu Johanni ausziehen und sich während der Zeit nach einem andern Logis umsehen sollte, mit gänzlicher Verhärtung und Stillschweigen an, und da er wieder allein war, vergoss er nicht einmal eine Träne mehr über sein Schicksal – denn er war sich selbst so gleichgültig geworden und hatte so wenig achtung gegen sich und Mitleid mit sich selber übrig behalten, dass, wenn seine achtung und Empfindung des Mitleids und alle die Leidenschaften, wovon sein Herz überströmte, nicht auf Personen aus einer erdichteten Welt gefallen wären, sie notwendig sich alle gegen ihn selbst kehren und sein eigenes Wesen hätten zerstören müssen.
Da ihm der Rektor das Logis aufgesagt hatte, so zog er daraus die sichere Folge, dass nun auch der Pastor Marquard sich nicht weiter um ihn bekümmern würde, und so war es nun auf einmal mit allen seinen Aussichten und Hoffnungen vorbei. – Die paar Wochen, welche er noch bei dem Rektor blieb, brachte er nach seiner gewöhnlichen Weise zu – dann zog er bei einem Bürstenbinder ins Haus, wo nun das Vierteljahr, welches er von Johanni bis zu Michaelis zubrachte, das schrecklichste und fürchterlichste in seinem ganzen Leben war, und wo er oft am rand der Verzweiflung stand. –
Da er nun hier eingezogen war, so fühlte er sich auf einmal aus alle den Verbindungen, die er vormals so ängstlich gesucht hatte, herausgesetzt und zwar, wie er selbst glaubte, durch seine eigne Schuld herausgesetzt. – Der Prinz, der Pastor Marquard, der Rektor, alle die Personen, von denen sein künftiges Schicksal abhing, waren nun nichts mehr für ihn, und damit verschwanden zugleich alle seine Aussichten. –
Was Wunder, dass sich durch diese Veranlassung eine neue Phantasie in seiner Seele bildete, in der er von nun an Trost suchte und sie Tag und Nacht mit sich umhertrug, und welche ihn von der gänzlichen Verzweiflung rettete.
Er hatte nämlich damals unter andern die Operette Klarissa oder das unbekannte Dienstmädchen gesehen, und nicht leicht hätte in seiner Lage irgendein Stück mehr Interesse für ihn haben können als dieses. –
Der vorzüglichste Umstand, wodurch dies grosse Interesse bei ihm bewürkt wurde, war, dass ein junger Edelmann sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und auch wirklich seinen Entschluss ausführt. – Reiser nahm auf die Veranlassung, die ihn dazu brachte, weil er nämlich das unbekannte Dienstmädchen liebte usw., gar keine Rücksicht, sondern es war ihm eine so reizende idee, dass ein gebildeter junger Mensch sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und nun ein so feiner, höflicher und gesitteter Bauer ist, dass er sich