1785_Moritz_072_66.txt

Hannover gekommen, die den Sommer über dort spielen würde. – Dies war die damalige Ackermannsche truppe, welche fast alle die jetzt hin und her zerstreuten Zierden aller Bühnen Deutschlands in sich vereinigte. –

Mit schnellen Schritten eilte nun Reiser der Stadt zu, die ihm vorher so verhasst und nun plötzlich wieder über alles lieb geworden warohne erst zu haus zu gehen (es war noch Vormittag, denn er war die Nacht an einem Orte unterwegens geblieben, von welchem er nur noch ein paar Meilen bis nach Hannover zu gehen hatte), eilte er sogleich nach dem schloss, wo er wusste, dass der Komödienzettel mit dem Personenverzeichnis angeschlagen war, und las, dass man an demselben Abend noch Emilia Galotti aufführen würde. –

Sein Herz schlug ihm für Freuden, da er dies las, gerade dies Stück, bei dem er schon so manche Träne geweint und so oft bis ins Innerste der Seele erschüttert worden, und was bis jetzt nur noch in seiner Phantasie aufgeführt war, nun auf dem Schauplatz mit aller möglichen Täuschung wirklich dargestellt zu sehen. –

Er wäre den Abend nicht aus der Komödie geblieben, hätte es auch kosten mögen, was es gewollt hätteda er nun zu haus kam, so wurde die stube, worin er schlief, geweisst und etwas darin gebaut, wodurch sie ganz unbewohnbar gemacht wurde. – Dieser misströstende Anblick des Orts seines eigentlichsten Aufentalts trieb ihn noch mehr aus der wirklichen ihn umgebenden Welt hinauser schmachtete nach der Stunde, wann das Schauspiel anheben würde.

Wohin er kam, konnte er seine Freude nicht verbergen; da er bei der Frau Filter in die stube trat, war sein erstes Wort die Komödie, welches sie ihm lange nachher vorwarfund ebenso war es, da er zu seinem Vetter, dem Perückenmacher, kam, wo er nun einige Nächte auf dem Boden schlafen musste, während dass seine stube in dem haus des Rektors erst wieder bewohnbar gemacht wurde. –

Folgende Rollenbesetzung mag ungefähr einen Begriff davon geben, was Emilia Galotti als das erste Schauspiel, das er in dieser Stimmung der Seele sah, für eine wirkung auf ihn müsse gehabt haben.

Die verstorbene Charlotte Ackermann spielte die Emilia, ihre Schwester die Orsina, und die Reinecken spielte die Claudia, Borchers den Odoardo, Brockmann den Prinzen, Reineck den Appiani und Dauer den Conti. – Wo mag Emilia Galotti wohl je wieder so aufgeführt worden sein?

Wie mächtig musste Reisers Seele hier eingreifen; da sie nun die Welt ihrer Phantasie gewissermassen wirklich gemacht fand! – Er dachte von nun an keinen andern Gedanken mehr als das Teater und schien nun für alle seine Aussichten und Hoffnungen im Leben gänzlich verloren zu sein. –

Was er nun irgend an Geld auftreiben konnte, das wurde zur Komödie angewandt, aus welcher er nun keinen Abend mehr wegbleiben konnte, wenn er es sich auch am mund abdarben sollte. – Um der Komödie willen ass er oft den ganzen Tag über nichts als etwas Salz und Brot, wenn ihm nicht etwa die alte Mutter des Rektors Essen auf seine stube schickte, welches sie doch zuweilen aus Mitleid tat. –

Und weil es nun Sommer war, so genoss er auch der Wonne, auf seiner stube wieder allein sein zu könnenwelches ihm mehr wert war als die köstlichsten speisen, die er hätte geniessen können. – Die Aussicht auf die Komödie am Abend tröstete ihn, wenn er am Morgen zu einem traurigen Tage erwachte, wie er denn nie anders erwachte. – Denn die Verachtung und der Spott seiner Mitschüler und das dadurch erregte Gefühl seiner eignen Unwürdigkeit, welches er allentalben mit sich umhertrug, dauerte noch immer fort und verbitterte ihm sein Leben. – Und alles, was er tat, um sich hievon loszureissen, war im grund eine blosse Betäubung seines inneren Schmerzes und keine Heilung desselben, sie erwachte mit jedem Tage wieder, und während dass seine Phantasie ihm manche Stunde lang ein täuschendes Blendwerk vormalte, verwünschte er doch im grund sein Dasein. –

Die häufigen Tränen, welche er oft beim buch und im Schauspielhause vergoss, flossen im grund ebensowohl über sein eigenes Schicksal als über das Schicksal der Personen, an denen er teilnahm, er fand sich immer auf eine nähere oder entferntere Weise in dem unschuldig Unterdrückten, in dem Unzufriednen mit sich und der Welt, in dem Schwermutsvollen und dem Selbstasser wieder. –

Die drückende Hitze im Sommer trieb ihn oft aus seiner stube in die Küche oder in den Hof hinunter, wo er sich auf einen Holzhaufen setzte und las und oft sein Gesicht verbergen musste, wenn etwa jemand hereintrat und er mit rotgeweinten Augen dasass. –

Das war wieder te Joy of Grief, die Wonne der Tränen, die ihm von Kindheit auf im vollen Masse zuteil ward, wenn er auch alle übrigen Freuden des Lebens entbehren musste.

Dies ging so weit, dass er selbst bei komischen Stücken, wenn sie nur einige rührende Szenen entielten, als z.B. bei der Jagd, mehr weinte als lachtewas aber auch ein solches Stück damals für wirkung tun musste, kann man wieder aus der Rollenbesetzung schliessen, indem die Charlotte Ackermann Röschen, ihre Schwester Hannchen, die Reinecken die Mutter, Schröder den Töffel, Reineck den Vater und Dauer den Christel spielte. –

Wenn irgend äussere Umstände fähig waren, jemanden einen entschiednen Geschmack am Teater beizubringen, so war es, Reisers Vorliebe und seine besonderen Verhältnisse abgerechnet, der Zufall, welcher diese vortrefflichen Schauspieler damals in eine