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Rektor zufälligerweise auch einmal mit zum Lesen aufrief, so las er weit fertiger und besser als alle übrigen, die das Buch gehabt und sich zu haus geübt hatten. –

Er hörte also einmal in der Nebenstube über sich sprechen, der Reiser müsse doch so dumm nicht sein, weil er die schwere englische Aussprache so bald gefasst hätte; um nun diese günstige Meinung von ihm ja nicht aufkommen zu lassen, behauptete sogleich einer geradezu, Reisers Vater sei ein geborner Engländer, und er erinnre sich also der englischen Aussprache noch von seiner Kindheit her; die übrigen waren sehr bereit, dies zu glaubenund so war denn Reiser aufs neue zu seiner vorigen Niedrigkeit in den Augen seiner Mitschüler herabgesunken.

Man sieht aus diesem allen, dass die achtung, worin ein junger Mensch bei seinen Mitschülern steht, eine äusserst wichtige Sache bei seiner Bildung und Erziehung ist, worauf man bei öffentlichen Erziehungsanstalten bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit gewandt hat. –

Was Reisern damals aus seinem Zustande retten und auf einmal zu einem fleissigen und ordentlichen jungen Menschen hätte umschaffen können, wäre eine einzige wohlangewandte Bemühung seiner Lehrer gewesen, ihn bei seinen Mitschülern wieder in achtung zu setzen. Und das hätten sie durch eine etwas nähere Prüfung seiner Fähigkeiten und ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf ihn sehr leicht bewirken können. –

So verstrich nun dieser Winter für ihn höchst traurigseine kleine Ökonomie war gänzlich zerrütteter hatte sich in seinem schlechten Aufzuge nicht getraut, sein monatliches Geld von dem Prinzen zu holen. – Bei dem Bücherantiquarius war er für seine Einkünfte tief in Schulden geratenauch hatte er seine übrigen notwendigsten Bedürfnisse an Wäsche und Schuhen von den wenigen Groschen, die er wöchentlich einnahm, und dem Chorgelde, das er erhielt, nicht bestreiten können, da er überdem dem Bücherantiquarius alles zubrachte.

Unter diesen Umständen reiste er in den Osterferien zu seinen Eltern, wo er den Degen ansteckte, mit dem er sich im Philotas erstochen hatte, und nun seinen Brüdern täglich diese Rolle noch einmal vorspielte, sich auch von seinem verlassnen Zustande und der Verachtung, worin er bei seinen Mitschülern stand, hier nicht das mindeste merken liess, sondern vielmehr das Angenehme und Ehrbringende, was er von sich sagen konnte, auf alle Weise heraussuchtedass ihn nämlich der Rektor auf einer Reise zur Gesellschaft mitgenommen, dass er in einer Privatstunde Englisch bei ihm gelernt habe, dass er bei dem Aufzug mit Fakkeln und Musik gewesen und wie es dabei zugegangen sei usw.

Auch für sich selbst suchte er so viel wie möglich alles Unangenehme und Niederdrückende aus seinen Ideen zu verbannendenn er wollte hier nun einmal in einem vorteilhaften, ehrenvollen Lichte erscheinen, so wenig beneidenswert er auch war. –

In dieser angenehmen Selbsttäuschung brachte er hier einige Tage sehr vergnügt zuallein so leicht wie ihm diesmal geworden war, da er aus den Toren von Hannover gekommen und er die vier Türme der Stadt allmählich aus dem Gesicht verloren hatte, so schwer wurde ihm ums Herz, da er sich diesen Toren wieder näherte und die vier Türme wieder vor ihm dalagen, die ihm gleichsam die grossen Stifte schienen, welche den Fleck seiner mannigfaltigen Leiden bezeichneten.

Insbesondre war ihm der hohe, eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze versehene Marktturm, da er ihn jetzt wieder sah, ein fürchterliche Anblickdicht neben diesem war die Schule das Spotten, Grinsen und Auszischen seiner Mitschüler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele dadas grosse Zifferblatt an diesem Turm war er gewohnt, zum Augenmerk zu nehmen, sooft er die Schule besuchte, um zu sehen, ob er auch zu spät käme. – Dieser Turm war so wie die alte Marktkirche ganz in gotischer Bauart von roten Backsteinen aufgebaut, die vor Alter schon schwärzlich geworden waren. –

In eben dieser Gegend war es, wo den Missetätern ihr Todesurteil vorgelesen wurdekurz, dieser Marktkirchtum brachte alles in Reisers Phantasie zusammen, was nur fähig war, ihn plötzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu versetzen. –

Er hätte in der Tat nicht schwermütiger sein können, als er es jetzt war, wenn er auch alles das vorausgewusst hätte, was ihm von nun an in diesem Orte seines Aufentalts noch begegnen sollte. – War aber schon vor einem Jahre, da er auch von seinen Eltern nach Hannover wieder zurückkehrte, seine Traurigkeit nicht ohne Grund gewesen, so war sie es diesmal noch viel weniger, da ihm einer der schrecklichsten Zeitpunkte in seinem Leben bevorstand. –

Ohne indes eine Ahndungskraft bei ihm vorauszusetzen, liess sich seine Schwermut sehr natürlich erklärenwenn man erwägt, dass seine Einbildungskraft jeden engsten Kreis seines eigentlichen wirklichen Daseins, worin er nun wieder versetzt werden sollte, schnell durchlief: die Schule, das Chor, das Haus des Rektorsin diesen Kreisen, wovon ihn immer einer noch mehr wie der andre einengte und alle seine Strebekraft hemmte, sollte er sich von nun an wieder drehen – – wie gern hätte er in diesem Augenblick seinen ganzen Aufentalt in Hannover gegen den dunkelsten Kerker vertauscht, der gewiss weit weniger Fürchterliches und Schreckliches für ihn gehabt haben würde, als alle diese ängstlichen Lagen.

Indem er nun so in schwermütige Gedanken vertieft einherging und schon nahe am Tore war, schoss auf einmal wie ein Blitz ein Gedanke durch seine Seele, der alles aufhellte und wodurch sich ihm alles wieder in einem schönern Lichte malteer erinnerte sich, dass er schon zu haus bei seinen Eltern gehört hatte, es wäre eine Schauspielergesellschaft nach