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eine sehr ängstliche Lage sein, wo er sich am meisten gedrungen fühlte, sich in eine andre Welt zu träumen, in der er sich besser befand. –

Aber auch diese Zuflucht missgönnte man ihmund indem er gerade einmal, noch ehe die Stunde anging, in einem Bande vom Teater der Deutschen las, so nahm man, während dass der Rektor hereintrat, ihm das Buch weg und legte es dem Rektor aufs Kateder hin, dem man nun auf Befragen, woher das Buch käme, sagte, dass Reiser während den Stunden darin zu lesen pflegte. Ein blick voll wegwerfender Verachtung auf Reisern war die Antwort des Rektos auf diese Anklage.

Und dieser blick kostete Reisern wiederum einen teil des wenigen Selbstzutrauens, das ihm noch übrig geblieben war; denn weit entfernt, sich gegen sich selbst zu entschuldigen, glaubte er vielmehr diese Verachtung wirklich zu verdienen und hielt sich in dem Augenblick ebenso sehr für ein weggeworfnes verächtliches Wesen, als ihn der Rektor nur immer dafür halten konnte. –

Er sank durch diesen Vorfall noch tiefer als vorher in der Verachtung des Rektorssein äussrer Zustand verschlimmerte sich daher von Tage zu Tage; und da er einmal vergessen hatte, einen Auftrag, den ihm ein Fremder an den Rektor gegeben hatte, auszurichten, so bediente sich der Rektor zum ersten Male des harten Ausdrucks gegen ihn, diese Vernachlässigung eines ihm gegebnen Auftrags sei ja eine 'wahre Dummheit'.

Dieser Ausdruck brachte auf eine lange Zeit eine Art von wirklicher Seelenlähmung in ihm hervor. – Diesen Ausdruck und das "dummer Knabe" vom Inspektor auf dem Seminarium und das "ich meine Ihn ja nicht" von dem Kaufmann S ... hat er nie vergessen könnensie haben sich in alle seine Gedanken verwebt und ihm lange nachher oft alle Gegenwart des Geistes in Augenblicken benommen, wo er sie am meisten bedurfte.

Ein Freund des Rektors, welcher einige Wochen bei ihm logierte, und für den Reiser auch einige Gänge tun musste, gab der Magd und ihm bei seinem Abschiede ein Trinkgeld. – Reiser hatte eine sonderbare Empfindung dabei, da er das Geld nahm; es war ihm, als ob er einen Stich erhielte, wo sich der erste Schmerz plötzlich wieder verlordenn er dachte an den Bücherantiquarius, und in dem Augenblick war alles übrige vergessenfür das Geld konnte er mehr als zwanzig Bücher lesensein beleidigter Stolz hatte sich noch zum letztenmal empört und war nun besiegt. – Reiser nahm von diesem Augenblick an keine Rücksicht mehr auf sich selbstund warf sich in Ansehung seiner äussern Verhältnisse völlig weg. –

Seine Kleidung, die immer schlechter und unordentlicher wurde, kümmerte ihn nicht mehr.

In der Schule, im Chore und wenn er auf der Strasse ging, dachte er sich mitten unter Menschen wie alleindenn keiner war, der sich um ihn bekümmerte oder an ihm teilnahm. – Sein eigenes äussres Schicksal war ihm daher so verächtlich, so niedrig und so unbedeutend geworden, dass er aus sich selbst nichts mehr machte an dem Schicksal einer Miss Sara Sampson, einer Julie und Romeos hingegen konnte er den lebhaftesten Anteil nehmen; damit trug er sich oft den ganzen Tag herum.

Nichts war ihm unausstehlicher, als, wenn die Lehrstunden geendigt waren, sich beim Herausgehen unter dem Schwarm seiner insgesamt besser gekleideten, muntern und lebhaftern Mitschüler zu befinden, von denen ihn keiner mehr an seiner Seite zu gehen würdigtewie oft wünschte er sich in solchen Augenblicken endlich von der Last seines Körpers befreit und durch einen plötzlichen Tod aus diesem quälenden Zusammenhange gerissen zu werden! Wenn er denn etwa durch ein Gässchen, wo niemand neben ihm ging, sich den Blicken seiner Mitschüler entziehen konnte, wie froh eilte er dann in die einsamsten und abgelegensten Gegenden der Stadt, um seinen traurenden Gedanken eine Weile ungestört nachzuhängen.

Der grösste Dummkopf unter allen, welcher auch allgemein verachtet wargesellte sich zuweilen zu ihm, und Reiser nahm seine Gesellschaft mit Freuden an; denn es war doch ein Mensch, der sich zu ihm geselltewenn er dann mit diesem ging, so hörte er oft hie und da einen seiner Mitschüler zu dem andern sagen: Par nobile Fratrum! (Ein edles Paar Gebrüder!) Mit diesem wirklichen Dummkopf wurde er also zugleich in eine Klasse geworfen. –

Da nun der Rektor auch gesagt hatte, es würde höchstens ein Dorfschulmeister aus ihm werden, so kam dies alles zusammen, um Reisern sein Selbstzutrauen gänzlich zu rauben, so dass er nun fast alles Zutrauen zu seinen eignen Verstandeskräften fahren liess und oft im Ernst anfing, sich selbst für den Dummkopf zu halten, wofür er so allgemein erkannt wurde. – Dieser Gedanke artete denn aber auch zugleich in eine Art von Bitterkeit gegen den Zusammenhang der Dinge auser verwünschte in den Augenblicken die Welt und sichweil er sich als ein höchst verächtliches Wesen zum Spott der Welt geschaffen glaubte. –

Wie weit das Vorurteil seiner Mitschüler gegen ihn und ihre Überzeugung von seiner angebornen Dummheit ging, davon mag Folgendes zum Beweise dienen:

Der Rektor hatte ihm erlaubt, die Privatstunden, welche er in seinem haus gab, mit zu besuchen. – Unter andern gab nun der Rektor auch eine englische Stunde. – Reiser hatte das Buch nicht, worin gelesen wurde, und konnte sich also zu haus nicht üben, er musste mit einem andern einsehen; demohngeachtet begriff er in ein paar Wochen von blossem Zuhören die meisten Regeln der englischen Aussprache; und da ihn der