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zu scheitern pflegen.

Indes wurde dieser Übermut bei Reisern sehr bald wieder gedämpft, da er die nachteiligen Folgen, welche ihm der Rektor prophezeit hatte, nur zu bald empfand. – Allentalben empfing man ihn mit kalten und verächtlichen Blicken. – Er liess daher die meisten Freitische einen nach dem andern freiwillig fahren und hungerte lieber oder ass Salz und Brotehe er sich diesen Blicken aussetzen wollte. – Bei dem einzigen Schuster Schantz ging er noch immer mit Vergnügen hin, denn hier wurde er nach wie vor mit freundlichen Blicken empfangen, und man liess ihn hier nicht für sein widriges Schicksal büssen.

Er war damals weit entfernt, dass er sich gegen sich selbst hätte entschuldigen sollen. – Vielmehr trauete er dem Urteil so vieler Menschen mehr als seinem eigenen Urteil über sich selbst zuer klagte sich oft an und machte sich die bittersten Vorwürfe über seine Versäumnis im Studieren, über sein Lesen und über sein Schuldenmachen beim Bücherantiquariusdenn er war damals nicht imstande, sich das alles als eine natürliche Folge der engsten Verhältnisse, worin er sich befand, zu erklären. – In solcher Stimmung der Seele, wo er gegen sich selbst aufgebracht und seine Phantasie noch durch ein Trauerspiel, das er eben gelesen hatte, erhitzt war, schrieb er einmal einen verzweiflungsvollen Brief an seinen Vater, worin er sich als den grössten Verbrecher anklagte, und der mit unzähligen Gedankenstrichen angefüllt war, so dass sein Vater nicht wusste, was er aus dem Briefe machen sollte und für den Verstand des Verfassers im Ernst zu fürchten anfing. – Der ganze Brief war im grund eine Rolle, die Reiser spielte. – Er fand ein Vergnügen daran, sich selbst, wie es zuweilen die Helden in den Trauerspielen machen, mit den schwärzesten Farben zu schildern und dann recht tragisch gegen sich selbst zu wüten.

Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde hatte, was konnte wohl anders sein Bestreben sein, als sich so viel und so oft wie möglich selbst zu vergessen?

Der Bücherantiquarius blieb daher seine immerwährende Zuflucht, und ohne diesen würde er seinen Zustand schwerlich ertragen haben, den er sich nun in manchen Stunden nicht nur erträglich, sondern sogar angenehm zu machen wusste, wenn er z.B. bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, ein kleines, freilich eben nicht glänzendes Auditorium um sich versammlen und dem mit aller Fülle des Ausdrucks und der Deklamation, die ihm nur möglich war, irgendeines seiner Lieblingstrauerspiele, als Emilia Galotti, Ugolino oder sonst etwas Tränenvolles, wie z.B. den Tod Abels von Gessner vorlesen konnte, wobei er denn ein unbeschreibliches Entzücken empfand, wenn er rund um sich her jedes Auge in Tränen erblickte und darin den Beweis las, dass ihm sein Endzweck, durch die Sache, die er vorlas, zu rühren, gelungen war. –

Überhaupt brachte er die vergnügtesten Stunden seines damaligen Lebens entweder für sich allein oder in diesem Zirkel bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, zu, wo er gleichsam die herrschaft über die Geister führen und sich zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machen konntedenn hier wurde er gehörthier konnte er vorlesen, deklamieren, erzählen und lehrenund er liess sich wirklich mit den Handwerksgesellen, welche dort zusammenkamen, zuweilen in Dispüte über sehr wichtige Materien, als über das Wesen der Seele, die Entstehung der Dinge, den Weltgeist und dergleichen ein, wodurch er die Köpfe verwirrte indem er die Aufmerksamkeit dieser Leute auf Dinge lenkte, an die sie in ihrem Leben nicht gedacht hatten. –

Mit einem Schneidergesellen insbesondre, der anfing, an seinen Grübeleien Gefallen zu finden, unterhielt er sich oft stundenlangüber die Möglichkeit der Entstehung einer Welt aus nichts endlich gerieten sie auf das Emanationssystem und auf den SpinozismusGott und die Welt war eins.–

Wenn dergleichen Materien nicht in die Schulterminologie eingehüllt werden, so sind sie für jeden Kopf und sogar Kindern verständlich. –

Bei einem solchen Gespräch pflegte Reiser aller seiner Sorgen und seines Kummers zu vergessendas, was ihn drückte, war denn viel zu klein für ihn, um seine Aufmerksamkeit zu beschäftigener fühlte sich aus dem umringenden Zusammenhange der Dinge, worin er sich auf Erden befand, auf eine Zeitlang hinaus versetzt und genoss die Vorrechte der Geisterweltwer ihm dann zuerst in den Wurf kam, mit dem suchte er sich in philosophische gespräche einzulassen und seine Denkkraft an ihm zu üben. –

Indes wandte er doch seine Schulstunden ungeachtet der wenigen Aufmunterung, die er darin genoss, und der vielen Demütigungen, die er darin erduldete, nicht ganz unnütz an. – Er schrieb bei dem Direktor neue geschichte, Dogmatik und Logik und bei dem Rektor die Erdbeschreibung und einige Übersetzungen lateinischer Autoren nach, wodurch er denn doch immer neben seiner Komödienund Romanlektüre noch einige wissenschaftliche Kenntnisse auffing und, ohne es eigentlich mit Absicht zu treiben, auch im Lateinischen noch einige Fortschritte machte. –

Das war aber alles nur wie zufälligmanche Stunde versäumte er dazwischen, und manche Stunde las er, während dass der Livius oder ein andrer lateinischer Autor gelesen wurde, für sich heimlich einen Roman, weil er doch einmal wusste, dass der Direktor ihn nicht mehr aufzurufen würdigte. – Denn wenn er in den Schulstunden mitten unter einer Anzahl von sechs bis siebenzig Menschen sass, von denen fast kein einziger sein Freund war, und denen er fast insgesamt ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung war, so musste ihm dies natürlicherweise beständig