1785_Moritz_072_62.txt

Es war Wohltat, dass er ein Jahr lang bei der Frau Filter im haus war, und in welcher peinlichen und drükkenden Lage brachte er dieses Jahr zu! – Es war Wohltat, dass er bei dem Rektor im haus war, nur was für unzählige Demütigungen und Verachtung von seinen Mitschülern zog ihm dieser ihm so reizend geschilderte Aufentalt zu!

Dem äussern Anschein nach konnte nun auch von Reisern niemand als schlecht urteilenund der Rektor sagte selbst zum Pastor Marquard, es würde höchstens einmal ein Dorfschulmeister aus ihm werden. – Dies hielt der Pastor Marquard nachher Reisern wieder vor, und sein Mut wurde durch dies Urteil des Rektors über ihn, dem er damals noch nicht viel Selbstgefühl entgegensetzen konnte, noch mehr niedergeschlagen.

Weil nun der Rektor sicher zu glauben schien, dass aus Reisern doch nie etwas würde, so brauchte er ihn indes, wozu er noch zu brauchen war, nämlich zu allerlei kleinen Diensten, die er ihn in und ausser dem haus verrichten liessund Reiser wurde nun im grund völlig wie ein Domestik betrachtet, ob er gleich ein Primaner hiess.

Einmal genoss er denn doch noch die Vorrechte eines Primaners, da er von dem Chorgelde, das er erhielt, seinen teil zum Neujahrgeschenke für den Rektor mit hergab und auch dem Aufzuge mit fackeln beiwohnte, da dem Direktor und dem Rektor nach hergebrachter Weise zum Neujahr eine Musik gebracht und ein Vivat gerufen wurde. –

Ob er gleich bei diesem zug der letzte oder einer der letzen in der Ordnung war, so erhob es doch seinen Mut ausserordentlich wieder, da er sich ungeachtet der vielen Herabwürdigungen und Demütigungen, die er erfahren hatte, doch hier gleichsam wieder in Reihe und Glied mit den übrigen stehen sah, einen Degen nebst einer Fackel tragen und das Vivat mit rufen durfte.

Die Musik, die Zuschauer, die Erleuchtung von den fackeln, die Anführer mit Federhüten und entbössten Degendas alles beseelte ihn wieder mit neuem Mut, da er sich in diesem glänzenden Aufzuge mit befand. –

Und da er am andern Tage mit unter der Zahl der Primaner stand und dem Rektor mit einer lateinischen Anrede an ihn das Neujahrsgeschenk, wozu Reiser doch auch seinen teil beigetragen hatte, auf einem silbernen Teller überreicht wurde, so fühlte er sich einmal mit einigem Wohlgefallen wieder in der wirklichen Welt. – Er sah sich doch hier nicht ganz ausgeschlossen und verdrängt. – Allein wie sehr verbitterte ihm der Hass und Übermut seiner Mitschüler auch diese kleine Aufmunterung wieder! –

Der Rektor bewirtete die Primaner, welche ihm das Geschenk gebracht hatten, mit Wein und Kuchen. – Diese tranken zu wiederholten Malen seine Gesundheit, wobei sie denn am Ende, da ihnen der Wein in die Köpfe stieg, ziemlich laut wurden. – Reiser trank einige Gläser Wein, ohne schlimme Folgen zu besorgen allein die gänzliche Ungewohnheit des Weintrinkens machte, dass ihn ein paar Gläser schon etwas berauschten; nun legten es seine edeldenkenden Mitschüler darauf an, ihn gänzlich betrunken zu machen, welches ihnen teils durch List und teils durch Drohungen gelang, so dass Reiser allerlei verwirrtes Zeug redete und am Ende zu Bette gebracht werden musste. –

War nun Reiser vorher schon in dem Zutrauen und der achtung aller derer, die ihn kannten, gesunken, so gab dieser Vorfall seinem guten Kredit nun vollends den letzten Stoss. – Vorher war er schon ein träger, unordentlicher und unfleissiger, nun war er auch ein unmässiger und schlechter Mensch, weil er in dem haus seines Lehrers, der zugleich sein Wohltäter war, durch sein unanständiges Betragen zugleich das undankbarste Herz verraten hatte.

Alle diese Folgen sah Reiser dunkel voraus, da er am andern Morgen erwachte, und indem er sich anzog, machte er sich schon auf Bitte und Entschuldigung bei dem Rektor wegen seines gestrigen Betragens gefasst. –

Er hatte seine Anrede recht gut ausstudiert und versicherte unter andern, dass er diesen Flecken auf alle Weise wieder würde auszutilgen suchen, worauf ihm denn der Rektor eben nicht sehr tröstlich antwortete, dass die nachteiligen Folgen von diesem Vorfall, wenn er bekannt würde, wohl schwerlich zu verhüten sein würden.

Der Rektor hatte darin sehr rechtdenn der Vorfall wurde bald bekannt, und es hiess nun: Wie! der junge Mensch lebt von Wohltaten, selbst der Prinz wendet so viel an ihn, und da er in dem haus seines Lehrers, seines Wohltäters, der ihm Obdach gibt, gastfreundlich bewirtet wird, beträgt er sich sowie niederträchtig, wie undankbar!

ungeachtet nun Reisern diese Folgen ahndeten, und er höchst traurig darüber war, empfand er doch am andern Tage, da er ins Chor kam und seine Mitschüler über sein blasses und verwirrtes Ansehn, das er noch von dem gestrigen Rausche hatte, lachten, eine Art von sonderbarem Stolz, gleichsam als ob er durch das gestrige Betrinken eine gewisse Bravour bezeigt hätte, dass er sogar affektierte, als ob sein Taumel noch fortdauerte, um dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu erregen. –

Denn die Aufmerksamkeit der übrigen auf ihn, die diesmal mehr mit einer gewissen Art von Beifall als mit Spott verknüpft war, schmeichelte ihm. – Auch betrachteten ihn die andern so, wie man einen zu betrachten pflegt, der in demselben Fall ist, worin man selbst einmal wardenn der Präfektus war fast immer betrunkendies geheime Vergnügen, welches Reiser empfand, da es ihm zu gelingen schien, sich durch das Schlechte bemerkt zu machen, ist wohl die gefährlichste Klippe der Verführung, woran die meisten jungen Leute