Betäubung bringen. – Wenn es ihm an einem buch fehlte, so hätte er seinen Rock gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht, um nur eins zu bekommen. – Diese Begierde wusste der Antiquarius wohl zu nutzen, der ihm nach und nach alle seine Bücher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder verkaufte, als er sie ihm abgekauft hatte.
Es war unter diesen Umständen keinem zu verdenken, der Reisern für einen lüderlichen aus der Art geschlagnen jungen Menschen hielt, welcher seine Schulbücher verkaufte, statt seine Kenntnisse zu vermehren und den Unterricht seiner Lehrer zu nutzen, nichts als Romane und Komödien las – und dabei sein Äusseres ganz vernachlässigte; denn es war sehr natürlich, dass Reiser keine Lust zu seinem Körper hatte, da er doch niemanden in der Welt gefiel – und dann wurde auch alle das Geld, was die Wäscherin und der Schneider hätten bekommen sollen, dem Bücherantiquarius hingebracht – denn das Bedürfnis zu lesen ging bei ihm Essen und Trinken und Kleidung vor, wie er denn wirklich eines Abends den Ugolino las, nachdem er den ganzen Tag nicht das mindeste genossen hatte, denn seinen Freitisch hatte er über dem Lesen versäumt und für das Geld, was zum Abendbrot bestimmt war, hatte er sich den Ugolino geliehen und ein Licht gekauft, bei welchem er in seiner kalten stube in eine wollene Decke eingehüllt die halbe Nacht aufsass und die Hungerszenen recht lebhaft mitempfinden konnte.
Indes waren diese Stunden noch die glücklichsten, welche er gleichsam aus dem Gewirre der übrigen herausriss – seine Denkkraft war vollkommen wie berauscht – er vergass sich und die Welt. –
Er las auf die Weise nach der Reihe die zwölf oder vierzehn Bände durch, welche damals vom deutschen Teater heraus waren, und weil er Yoriks empfindsame Reisen mit grossem Vergnügen zwei- bis dreimal durchgelesen hatte, so lieh er sich auch von dem Antiquarius die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel.–
Nun hatte er damals schon angefangen, sich die Titel der Bücher, welche er gelesen hatte, in einem dazu bestimmten buch niederzuschreiben und sein Urteil dabei zu setzen, das mehrmalen ziemlich richtig ausfiel; wie er denn z.B. bei die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel das Urteil schrieb: ein exercitium extemporaneum, weil der Verfasser selbst gestand, dass er alle die verschiedenen Sachen in diesem dicken buch bloss zusammengeschrieben habe, damit man urteilen solle, zu welchem Fach in der Schriftstellerei er sich wohl am besten schicken würde. – Der Verfasser dieser empfindsamen Reisen hat nachher dies exercitium extemporaneum durch seinen Spitzbart hinlänglich wieder gutgemacht.
Aber nicht leicht hat Reisern bei irgendeinem buch die Zeit, welche er auf das Lesen desselben gewandt hatte, mehr gereut als bei diesen empfindsamen Reisen. –
So lernte er nun von selbst allmählich das Mittelmässige und Schlechte von dem Guten immer besser unterscheiden. –
Bei allem aber, was er las, war und blieb nun die idee vom Teater immer bei ihm die herrschende – in der dramatischen Welt lebte und webte er – da vergoss er oft Tränen, indem er las, und liess sich wechselsweise bald in heftige, tobende leidenschaft des Zorns, der Wut und der Rache und bald wieder in die sanften Empfindungen des grossmütigen Verzeihens, des obsiegenden Wohlwollens und des überströmenden Mitleids versetzen. –
Seine ganze äussere Lage und seine Verhältnisse in der wirklichen Welt waren ihm so verhasst, dass er die Augen davor zuzuschliessen suchte. – Der Rektor rief ihn im haus bei seinem Namen, wie man einen Bedienten ruft; und einmal musste er einen seiner Mitschüler, der ein Sohn eines Freundes vom Rektor war, bei demselben zum Essen bitten; und während dass dieser des Abends bei dem Rektor speiste, musste Reiser Wein holen und in der Gesindestube sein, die gleich neben der stube war, wo gespeist wurde, und wo er hören konnte, wie sein Mitschüler sich mit dem Rektor unterhielt, während dass er bei der Magd in der stube sass.
Der Rektor gab verschiedene Privatstunden – wenn er nun etwa eine davon nicht halten konnte, so musste Reiser bei seinen Mitschülern, mit denen er doch auch an diesem Unterricht teilnahm, herumgehen und ihnen die Privatstunde absagen, welches den Übermut derselben gegen ihn noch vermehrte.
Diese Zurücksetzung hatte ihren guten Grund in seinem Betragen – er war unteilnehmend an allem, was ausser ihm vorging, und zu jedem Geschäft, was ihn aus seiner Ideenwelt herauszog, träge und verdrossen. – Was Wunder, da er an nichts teilnahm, dass man auch wieder an ihm nicht teilnahm, sondern ihn verachtete, hintansetzte und vergass?
Allein man erwog nicht, dass eben dies Betragen, weswegen man ihn zurücksetzte, selbst eine Folge von vorhergegangner Zurücksetzung war. – Diese Zurücksetzung, welche in einer Reihe von zufälligen Umständen gegründet war, hatte den Anfang zu seinem Betragen und nicht sein Betragen, wie man glaubte, den Anfang zur Zurücksetzung gemacht.
Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen über die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, dass sie die Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten und von diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten, durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte, um ihn plötzlich umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden Betragen schuld war.
Anton Reisers Schicksal schien es nun einmal zu sein, Wohltaten zu seiner Qual zu empfangen.