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Sie suchten sich für diese unverzeihliche Beleidigung, wofür sie es hielten, auf alle Weise zu rächen, und von der Zeit an durfte von den vieren, welche den Philotas und den sterbenden Sokrates aufgeführt hatten, keiner des Abends sicher auf der Strasse gehen. – Diese viere waren von der Zeit an ein Gegenstand des Hasses, der Verachtung und des Spottes, welcher Reisern gerade am meisten traf; denn die andern besuchten die Schulstunden selten. – Gegen Reisern hatte man schon vorher nichts als Verachtung bezeigt, die ausser einer Art von unerklärbarer allgemeiner Antipatie gegen ihn ihren Grund vorzüglich in seiner erniedrigenden oder wenigstens für erniedrigend gehaltenen Situation, seiner blöden Miene und seinem kurzen Rock haben mochte; zu dieser Verachtung gesellte sich nun jetzt noch eine allgemeine Erbitterung gegen ihn, welche den Spott, womit man ihn überhäufte, so beissend wie möglich zu machen suchte. –

Und ob nun gleich nicht er, sondern G ... die Rolle des sterbenden Sokrates in dem Nachspiel gemacht hatte, so hiess er doch von nun an mit einem allgemeinen Spottnamen "der sterbende Sokrates" und verlor diesen beinahe nicht eher, bis diese ganze Generation nach und nach die Schule verlassen hatte; noch ein Jahr vorher, ehe er selbst die Schule verliess, war er eine lange Zeit kränklich gewesen und gar nicht aus dem haus gekommen; als er nun wieder einer Komödie zusehen wollte, welche die Primaner damals aufführten, liess man ihn zwar herein, aber man sah ihn mit einem verächtlichen, höhnischen blick an und sagte: Da ist der sterbende Sokrates, so dass Reiser gleich umkehrte und traurig wieder zu haus ging. –

Sonst pflegt doch immer bei den Menschen eine gewisse Gutmütigkeit zu herrschen, dass sie nur denjenigen zum gegenstand ihres Spottes machen, der gewissermassen unempfindlich dagegen ist; sehen sie hingegen, dass einer durch den Spott wirklich beleidigt und gekränkt wird, so treiben sie's wenigstens nicht unaufhörlich, sondern das Mitleid gewinnt doch endlich über die Spottsucht die Oberhand.

Aber das war bei Reisern der Fall nichtseine Gestalt verfiel von Tage zu Tage, er wankte nur noch wie ein Schatten umher; es war ihm beinahe alles gleichgültig; sein Mut war gelähmtwo er konnte, suchte er die Einsamkeitaber das alles erweckte auch kein Fünkchen Mitleid gegen ihn. – So sehr waren aller Gemüter mit Hass und Verachtung gegen ihn erfüllt. –

Ausser ihm war noch ein gewisser T ... ein Gegenstand des Spottes, der zum teil durch seine stotternde Sprache Veranlassung dazu gab. – Dieser aber schüttete den Spott ab, wie das Tier mit der unempfindlichen Haut die Schläge. – Indem man seiner spottete, so rechtfertigte man sich selbst damit, dass ihn der Spott nicht kränkte. – Bei Reisern nahm man darauf keine Rücksicht. Dies erbitterte endlich sein Herz und machte ihn zum offenbaren Menschenfeinde.

Wo sollte nun wohl bei ihm ein rühmlicher Wetteifer, Fleiss und Lust zum eigentlichen Studieren herkommen? – Er wurde ja ganz aus der Reihe herausgedrängter stand einsam und verlassen da und suchte nur das, wodurch er sich immer noch mehr absondern und in sich selbst zurückziehen konnte; alles, was er für sich allein auf der stube arbeitete, las und dachte, machte ihm Vergnügen, aber zu allem, was er in den Schulstunden mit andern gemeinschaftlich arbeiten sollte, war er träge und verdrossen; es war ihm immer, als ob er gar nicht dazu gehörte. –

Das war nun die schöne Erfüllung seiner Träume von langen Reihen von Bänken, auf denen die Schüler der Weisheit sassen, unter deren Zahl er sich mit Entzücken dachte, und mit denen er einst um den Preis zu wetteifern hoffte. –

Der Rektor, bei dem er wohnte, kam nun auch von seiner Reise wieder zurück und hatte seine Mutter mitgebracht, die seine Wirtschaft auf das genaueste einzurichten suchte. – Es wurde Winter, und man dachte nicht daran, Reisers stube zu heizener stand erst die bitterste Kälte aus und glaubte, man würde doch endlich auch an ihn denkenbis er hörte, dass er sich bei Tage in der Gesindestube mit aufhalten sollte. –

Nun fing er an, sich um seine äussern Verhältnisse gar nicht mehr zu bekümmern. – Von seinen Lehrern sowohl als von seinen Mitschülern verachtet und hintangesetztund wegen seines immerwährenden Missmuts und menschenscheuen Wesens bei niemand beliebt, gab er sich gleichsam selber in Rücksicht der menschlichen Gesellschaft aufund suchte sich nun vollends ganz in sich zurückzuziehen.

Er ging zu einem Antiquarius und holte sich einen Roman, eine Komödie nach der andern und fing nun mit einer Art von Wut an zu lesen. – Alles Geld, was er sich vom mund absparen konnte, wandte er an, um Bücher zum Lesen dafür zu leihen; und da nach einiger Zeit der Antiquarius ihn kennen lernte und ihm ohne jedesmalige bare Bezahlung Bücher zum Lesen liehe, so hatte sich Reiser, ehe er es merkte, tief in Schulden hineingelesen, die, so klein sie sein mochten, damals für ihn unerschwinglich waren.

Er suchte diese Schuld zum teil durch den Verkauf seiner angeschafften Schulbücher zu tilgen, die ihm der Antiquarius für ein Spottgeld abnahmund ihm dafür aufs neue Bücher zum Lesen lieh, bis er wieder in neue Schulden geriet und denn wieder ängstlich auf Tilgung derselben denken musste.

Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme