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. – Oft träumte er sich auf diese Weise über allen Kummer der Erde hinaus, in heitre Szenen hin, wenn er vom Frost erstarrt im Chore sang, und verphantasierte so manche Stunde, wo denn gewisse Melodien, die er hörte und mitsang, seinen Traum oft fortpflanzen halfen. – Nichts klang ihm z.B. rührender und erhabener, als wenn der Präfektus anhub zu singen:

Hylo schöne Sonne

Deiner Strahlen Wonne

In den tiefen Flor

Das Hylo allein schon versetzte ihn in höhere Regionen und gab seiner Einbildungskraft allemal einen ausserordentlichen Schwung, weil er es für irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt, den er nicht verstand und eben deswegen einen so erhabnen Sinn, als er nur wollte, hineinlegen konnte: bis er einmal den geschriebenen Text unter den Noten sah und fand, dass es hiess:

Hüll, o schöne Sonne, usw.

Diese Worte sang der Präfektus nach seiner türingischen Mundart immer: Hylo schöne Sonne. – Und nun war auf einmal das ganze Zauberwerk verschwunden, welches Reisern so manchen frohen Augenblick gemacht hatte. – Ebenso war es ihm immer sehr rührend, wenn gesungen wurde: 'Du verdeckest sie in den Hütten' oder: 'lieg ich nur in deiner Hut, o so schlaf ich sanft und gut.' –

Er wiegte sich oft so sehr in die süssen Empfindungen von dem Schutz eines höhern Wesens ein, dass er Regen und Frost und Schnee vergass und sich in der ihn umgebenden Luft wie in einem Bette sanft zu ruhen schien.

Allein von aussen her schien sich alles zu vereinigen, um ihn zu demütigen und niederzubeugen.

Da es Sommer wurde, verreiste der Rektor auf einige Wochen, und er blieb nun während der Zeit allein in dessen haus zurück, wo er die Zeit zu haus ziemlich vergnügt zubrachte, indem er sich aus der Bibliotek des Rektors einiger Bücher zum Lesen bediente und unter andern auf Moses Mendelsohns Schriften und die Literaturbriefe verfiel, woraus er sich damals zuerst Exzerpte machte. –

Insbesondre zog er sich alles aus, was das Teater anging, denn diese idee war jetzt schon die herrschende in seinem kopf und gleichsam schon der Keim zu allen seinen künftigen Widerwärtigkeiten.

Durch das Deklamieren in Sekunda war sie zuerst lebhaft in ihm erwacht und hatte die Phantasie des Predigens allmählich aus seinem Kopf verdrängtder Dialog auf dem Teater bekam mehr Reize für ihn als der immerwährende Monolog auf der Kanzel. – Und dann konnte er auf dem Teater alles sein, wozu er in der wirklichen Welt nie gelegenheit hatteund was er doch so oft zu sein wünschtegrossmütig, wohltätig, edel, standhaft, über alles Demütigende und Erniedrigende erhabenwie schmachtete er, diese Empfindungen, die ihm so natürlich zu sein schienen und die er doch stets entbehren musste, nun einmal durch ein kurzes, täuschendes Spiel der Phantasie in sich wirklich zu machen. –

Das war es ungefähr, was ihm die idee vom Teater schon damals so reizend machte. – Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht passten. – Das Teater deuchte ihm eine natürlichere und angemessnere Welt als die wirkliche Welt, die ihn umgab.

Nun kamen die Sommerferien heran, und die Primaner führten, wie sie alle Jahr zu tun pflegten, öffentlich verschiedene Komödien auf. – Reiser konnte bei der allgemeinen Verachtung, der er als ein sogenannter Famulus des Rektors ausgesetzt war, sich nicht die mindeste Hoffnung machen, eine Rolle zu erhalten; ja, er konnte nicht einmal von irgendeinem der Mitschüler ein Billett erhalten, um zuzusehn. Dies schlug ihn mehr als alles Bisherige niederbis er auf den Einfall kam, mit zwei bis dreien seiner Mitschüler, welche auch keine Rollen hatten, gleichsam eine Partie der Missvergnügten auszumachen und auf deren Wohnstube bei einer kleinen Anzahl Zuschauer eine Komödie besonders aufzuführen. –

Hiezu wurde denn Philotas gewählt, wo Reiser einem andren, der die Rolle des Philotas schlecht machte, sie mit Geld abkaufte und also nun den Philotas spielte.

Nun war er in seinem Elemente. – Er konnte einen ganzen Abend lang grossmütig, standhaft und edel seindie Stunden, wo er sich zu dieser Rolle übte, und der Abend, wo er sie spielte, waren von den seligsten seines Lebensobgleich das Teater nur ein schlechtes Zimmer mit weissen Wänden und das Parterre eine kammer war, die daran stiess, und wo man statt der ausgehobenen tür eine wollene Decke angebracht hatte, die zum Vorhang dienen musste; und obgleich das ganze Auditorium nur aus dem Wirt des Hauses, der ein Töpfer war, nebst dessen Frau und seinen Gesellen bestand und die ganze Erleuchtung nur mit Pfenniglichtern bewerkstelligt wurde, die auf kleinen an die Wand geklebten Stücken von nassen Leimen brannten. –

Zum Nachspiel wurde aus Millers historisch-moralischen Schilderungen der sterbende Sokrates gegeben, worin Reiser nur einen Freund des Sokrates und der eine von seinen Mitschülern, namens G ..., den sterbenden Sokrates selbst machte, welcher denn ordentlich den Giftbecher leerte und zuletzt unter Zukkungen auf einem Bette, das in die stube gesetzt war, verschied.

Dies letzte Nachspiel war es nun, was Reisern nachher fast seine ganzen Schuljahre verbittert hat. –

Die andern Primaner hatten nämlich erfahren, dass ausser der ihrigen von denen, welchen sie keine Rollen gegeben hatten, noch besonders eine Komödie aufgeführt worden seisie sahen dies als einen Eingriff in ihre Rechte an, und als ob es gleichsam aus Trotz und Verachtung geschehen sei.