anfing, ihm sein Schicksal zu verbittern, war eine neue unverdiente Demütigung, wozu seine gegenwärtige Lage, die er doch wiederum nicht ändern konnte, die Veranlassung gab.
Als er nämlich die ersten Male Prima besuchte, so hörte er schon zuweilen hinter sich zischeln: Sieh, das ist des Rektors Famulus! Eine Benennung, mit welcher Reiser den allerniedrigsten Begriff verband; denn er wusste von den Verhältnissen eines Famulus auf der Universität noch nichts. Ihm bezeichnete Famulus womöglich noch weniger als einen Bedienten, der seinem Herren die Schuh putzt. – Dabei deuchte es ihm, als ob er allgemein von seinen Mitschülern mit einer Art von Verachtung betrachtet würde. – Dann dachte er sich in seinem kurzen Rocke, womit er sich immer selbst in einer lächerlichen Gestalt erschien. – In Sekunda war er ungeachtet seiner schlechten Kleidung von seinen Mitschülern noch geachtet worden, wegen der hohen Meinung, die man davon hatte, dass ihn der Prinz studieren liess. In Prima wusste man dies zwar auch zum teil, aber die idee, dass er beim Rektor Famulus war, schien ihn in aller Augen herabzusetzen. – Nun kam in Prima ausserordentlich viel auf den Platz an, wo man sass: höhere Plätze konnten nur durch langen fortgesetzten Fleiss erlangt werden. Gemeiniglich rückte man alle halbe Jahre nur eine Bank in die Höhe. – Die ersten vier Bänke machten den untern und die letzteren drei den obern Zötus aus. – Wer nun bei den halbjährigen Versetzungen zurückblieb, für den war dies eine der grössten Erniedrigungen.
Nun hatte Reiser gleich am dritten Morgen, während dass ein Primaner von dem untern Kateder ein geschriebnes Gebet ablas, da ihm sein Nachbar etwas sagte, eine lächelnde Miene gemacht, und da er sah, dass er vom Direktor bemerkt wurde, diese Miene plötzlich in eine ernstafte zu verwandeln gesucht. – Und der Eindruck, welcher noch von dem Blattumschlagen in seiner Seele zurückgeblieben war, machte, dass diese plötzliche Veränderung seiner Miene nicht im mindesten auf eine edle, sondern vielmehr höchst misstrauische, gemeine und sklavische Furcht verratende Art geschahe, woraus der Direktor mit einem blick des Zorns und der Verachtung, den er währendem Gebet auf Reisern warf, seine niedrige, gemeine denkart zu schliessen schien. – Ein solcher blick vom Direktor war schon etwas, das allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen pflegte. – Da nun aber das Gebet vorbei war, so sagte er Reisern ein paar Worte über das Niederträchtige in seiner Miene, welche diesen auf einmal der Verachtung der ganzen Klasse aussetzten, der die Aussprüche des Direktors Orakel waren.
Reiser getraute sich von nun an nicht mehr, seine Augen zu dem Direktor aufzuschlagen, und musste sich in den Stunden desselben wie ein Wesen betrachten, auf das nicht die mindeste Rücksicht genommen ward: denn der Direktor rief ihn niemals auf. – Ein paar junge Leute, die nach Reisern in Prima kamen, wurden über ihn gesetzt, und er musste verschiedene Monate lang der letzte von allen bleiben. – Der junge Rehberg, ein vorzüglicher Kopf, der sich nachher als Maler berühmt gemacht hat, sass neben Reisern und schien sich an ihn schliessen zu wollen; allein ein blick des Direktors, womit derselbe ihn ansahe, da er einmal mit Reisern sprach, dämpfte jeden Funken von achtung, den er gegen Reisern zu haben schien, und machte sein Herz von ihm abgewandt. – Das Betragen des Direktors gegen Reisern war eine Folge von dessen schüchternen und misstrauischen Wesen, das eine niedrige Seele zu verraten schien; allein der Direktor erwog nicht, dass eben dies schüchterne und misstrauische Wesen wieder eine Folge von seinem ersten Betragen gegen Reisern war.
Dieser war nun einmal in der achtung seiner Mitschüler gesunken, und jeder nahm sich jetzt heraus, zum Ritter an ihm zu werden, jeder wollte seinen Witz an ihm üben, und nahm er es gleich mit einem auf, so waren wieder zwanzig andre, die miteinander wetteiferten, ihn zum Ziel ihres Spottes zu machen; selbst seine Bravour, wenn er sich zuweilen mit denen, die es zu arg machten, schlug, wodurch jeder andre sich vielleicht wieder in achtung gesetzt hätte, wurde lächerlich gemacht. – Man zischelte sich nicht mehr in die Ohren: Seht da, des Rektors Famulus! sondern sobald er des Morgens hereintrat, hiess es: Da kommt der Famulus! und diese Ehrenbenennung schallete ihm aus allen Ecken entgegen. Es war, als ob sich alles verschworen hätte, sich auf ihn zu setzen und ihn lächerlich zu machen. –
Dieser Zustand wurde ihm eine Hölle – er heulte, tobte und geriet in eine Art von Raserei darüber, und auch dies wurde lächerlich gemacht. – Zuletzt trat denn zuweilen eine Art von Dumpfheit der Empfindung an die Stelle seines bis zur Wut und Raserei beleidigten Stolzes – er hörte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging, und liess alles mit sich machen, was man wollte, so dass er in dem Zustande ein würdiger Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein schien.
Was Wunder, wenn er am Ende durch diese fortgesetzte Behandlung wirklich niederträchtig gesinnt geworden wäre? – Aber er fühlte noch immer Kraft genug in sich, in gewissen Stunden sich ganz aus seiner wirklichen Welt zu versetzen. – Das war es, was ihn aufrecht erhielt. – Wenn seine Seele durch tausend Demütigungen in seiner wirklichen Welt erniedrigt war, so übte er sich wieder in den edlen Gesinnungen der Grossmut, Entschlossenheit, Uneigennützigkeit und Standhaftigkeit, sooft er irgendeinen Roman oder heroisches Drama durchlas oder durchdachte