her zu verbreiten, der Reisern in grosser Entfernung von ihm hielt – er musste ihm seine Bibliotek in Ordnung bringen helfen; wenn er denn zuweilen so dicht bei ihm stand, indem er ihm Bücher zureichte, dass er seinen Atem hören konnte, so fühlte er oft einige anschliessende Kraft in sich – aber in dem folgenden Augenblick war die Schüchternheit und Verlegenheit wieder da. – Demohngeachtet liebte er den Rektor – und sein mit romanhaften Ideen angefüllter Kopf liess ihn manchmal den Wunsch tun, dass er doch mit dem Rektor auf irgendeine unbewohnte Insel versetzt werden möchte, wo sie durch das Schicksal gleichgemacht auf einen freundschaftlichen und vertrauten Fuss umgehen könnten.
Der Rektor tat alles, um Reisern Mut und Zutrauen einzuflössen; er liess ihn verschiedne Mal mit sich allein an seinem Tische speisen und unterredete sich mit ihn. – Reiser hatte damals schon Schriftstellerprojekte: er wollte die alte Acerra philologika in einen bessern Stil bringen, und der Rektor war so gütig, ihn zu ermuntern, dass er immer dergleichen Projekte für die Zukunft nähren und sich mit dergleichen Ausarbeitungen beschäftigen solle.
Wenn nun Reiser über so etwas mit dem Rektor sprach, so fehlte es ihm immer an den rechten Ausdrücken, deren er sich bedienen sollte, welches seine Perioden sehr unterbrochen machte. – Denn er schwieg lieber, ehe er das unrechte Wort zu dem Gedanken wählte, den er ausdrücken wollte. – Der Rektor half ihm dann mit vieler Nachsicht zurecht. – Er liess ihn auch zuweilen des Abends zu sich auf die stube kommen und sich von ihm vorlesen.
Reiser erdreistete sich denn auch manchmal, fragen an ihn zu tun: in wiefern z.B. ein Stuhl ein Individuum zu nennen sei, da man ihn doch immer noch wieder teilen könne, welcher Zweifel ihm bei der Logik, die er vom Direktor hörte, aufgefallen war – und der Rektor löste ihm sehr herablassend seinen Zweifel auf und lobte ihn dabei wegen seines Nachdenkens über dergleichen Gegenstände; ja, er scherzte zuweilen gar mit ihm, und wenn er ihm den Auftrag gab, irgendein Buch oder sonst etwas zu holen, so tat er dies nie in einem befehlenden Tone, sondern bittweise. – So war nun alles soweit recht gut – aber das Blattumschlagen schien nun einmal für Reisern eine unglückliche Sache zu sein – er musste einmal für den Rektor geheftete Bücher aufschneiden und machte das so ungeschickt, dass er mit dem Federmesser tiefe Einschnitte in die Blätter machte, wodurch ein paar Bücher fast ganz verdorben wurden. – Der Rektor wurde darüber sehr böse und machte ihm den bittern Vorwurf, als ob er aus Bosheit die Einschnitte in die Blätter gemacht habe, um von der Arbeit frei zu sein. – Das war nun freilich nicht der Fall – der Vorwurf schmerzte Reisern und trug viel dazu bei, seinen allmählich wachsenden Mut wieder niederzuschlagen.
Indes erholte er sich doch noch einmal wieder, da ihn der Rektor auf einer kleinen Reise nach einer benachbarten katolischen Stadt mitnahm, um die Feier des Fronleichnamsfestes mit anzusehen. – Der Rektor, der Konrektor, der Kantor und ein paar Kandidaten der Teologie fuhren auf einem Wagen mit Extrapost, wo Reiser auch ein Plätzchen erhielt. – Nun hörte er diese ehrwürdigen Männer, die durch das Aneinanderschliessen, welches gemeiniglich bei einer kleinen Reisegesellschaft stattzufinden pflegt, vertraulich gemacht waren, sehr lebhaft miteinander scherzen; und dies tat eine ganz besondere wirkung auf Reisern. – Der Nimbus um ihre Köpfe verschwand allmählich, und er sah an ihnen zum ersten Male Menschen, wie andre Menschen sind. – Denn noch nie hatte er eine Gesellschaft von Schwarzröcken zusammengesehen, die sich ohne Zwang miteinander besprachen und alle das steife, zeremonienmässige Wesen, das ihnen sonst von ihrem stand anklebt, auf eine Zeitlang gegeneinander ablegten. Nur der gute Kantor behielt immer ein gewisses steifes Wesen bei, und da unterwegs eine grosse Menge Bettler, die geistliche Lieder absangen, dem Wagen entgegenkamen, schraubte man den Kantor mit diesem Auftritt, indem man ihn wegen dieser schrecklichen Disharmonien, wodurch sein Gehör ganz erschüttert wurde, herzlich bedauerte. – Es war zum ersten Male, dass Reiser sah, wie sich solche ehrwürdige Männer auch ebenso wie andre Leute untereinander schrauben könnten. Und diese Erfahrung, die er machte, war ihm sehr nützlich, indem er nun jeden Priester, den er sonst noch immer gewissermassen als eine Art von übermenschlichem Wesen betrachtete, sich etwa in den Zirkel einer solchen Reisegesellschaft dachte und ihn denn in seiner Vorstellung von dem Nimbus, der ihn vorher umgab, mit leichter Mühe entblösste.
Allein er fühlte es demohngeachtet wieder lebhaft, welch ein unbedeutendes Wesen er in dieser Gesellschaft war; und da man alle Merkwürdigkeiten der Klöster und andre Sachen in der katolischen Stadt besahe, wozu noch eine Anzahl zum teil auch fremder Personen sich gesellte, so fühlte er, wie es sich immer von selbst verstand, dass er bei allem der letzte war, und dass er dies noch als eine grosse Ehre ansehen musste, die ihm widerfuhr – dieser Gedanke machte, dass er sich in der Gesellschaft verlegen, albern und dumm betrug, und dies verlegene und alberne Betragen fühlte er auch wieder selbst weit stärker, als es vielleicht irgend jemand ausser ihm bemerken mochte; darum war er die Zeit über, in welcher er so viel Neues zu hören und zu sehen bekam, nichts weniger als glücklich und wünschte sich wieder auf sein einsames Stübchen mit der Bank und dem alten Klaviere und dem Bücherbrett, das über dem Bett am Nagel hing.
Was aber nun vorzüglich