mit seinem Vater oft wunderbar zusammen, wenn sie von dem All der Gotteit und dem Nichts der Kreatur, das die Madam Guion lehrte, sprachen. Sie glaubten sich einander zu verstehen, und Reiser empfand ein unendliches Vergnügen in diesen Unterredungen mit seinem Vater, denn es war ihm schmeichelhaft, dass sich sein Vater, der ihn sonst nur für einen dummen Jungen zu halten schien, nun selbst über dergleichen erhabne Gegenstände mit ihm unterredete. Dann besuchten sie den Prediger und die Honoratioren des Orts, wo Reiser allentalben mit ins Gespräch gezogen wurde und sich auch, weil ihm diese Behandlung Selbstzutrauen einflösste, dabei ganz gut nahm. – Die Nachbaren seiner Eltern, und wer sonst hinkam, waren alle aufmerksam auf den Sohn des Lizentschreibers, den der Prinz in Hannover studieren liesse. – Die reine, ungetrübte Freude, die Reiser in diesen wenigen Tagen genoss, verbunden mit den angenehmsten Hoffnungen ersetzte ihm reichlich allen Kummer und unverdiente Demütigungen, die er ein ganzes Jahr hindurch erlitten hatte.
So nahe wie seine Mutter nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal teil – sooft er sich des Abends zu Bette legte, sprach sie das 'Gott walte' über ihn und schlug über seine Stirne das Kreuz dazu, wie sie ehemals getan hatte, damit er sicher schlafen sollte, und kein Abend und kein Morgen verging, wo sie ihn auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloss. – Mit Wehmut nahm Reiser Abschied von seinen Eltern, und da er die Türme von Hannover wiedersahe, so beklemmten traurige Ahndungen sein Herz.
Den andern Tag nach seiner Zurückkunft wurde er von dem Direktor zu der Klassenversetzung geprüft, und da er aus des Cicero buch von den Pflichten etwas aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen sollte, so fügte es sich, dass er in dem Exemplar, das ihm der Direktor gab, unglücklicherweise ein Blatt mit solcher Ungeschicklichkeit umschlug, dass er es beinahe zerrissen hätte. Durch so etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors, der in allem stets die äusserste Delikatesse suchte, gerade am stärksten beleidigt werden. – Reiser verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinenden Mangel an feiner Empfindung und feiner Lebensart. Der Direktor verwies ihm auf eine sehr bittere Art seine Ungeschicklichkeit, so dass Reisers Zutrauen zu dem Direktor, durch die Beschämung, worin er durch diesen bittern Verweis versetzt wurde, ebenfalls einen gewaltigen Stoss erhielt, wovon es sich nie wieder erholen konnte. Das schüchterne Wesen, das Reiser auf diese Veranlassung von nun an in der Gegenwart des Direktors bewies, diente dazu, ihn bei denselben noch immer mehr herabzusetzen. – Kurz, von einem einzigen zu schnell umgeschlagenen Blatte in dem Exemplar des Direktors von Ciceros buch von den Pflichten schrieben sich grösstenteils alle die Leiden her, die Reisern von nun an in seinen Schuljahren bevorstanden, und welche sich vorzüglich auf den Mangel der achtung des Direktors gründeten, dessen Beifall, woran ihm so viel lag, er zuerst durch das zu schnelle Blattumschlagen verscherzt hatte.
Hiezu kam nun noch, dass die Frau Filter, ob er gleich von ihr wegzog, ihm doch sein neues Kleid einschloss und er mit einem alten Rock, den er noch von dem Hutmacher Lobenstein hatte, Prima besuchen musste, wo er neben sich fast lauter wohlgekleidete junge Leute sah. Der Rock gab ihm ein lächerliches Ansehen, weil er ihm zu kurz geworden war. Dies fühlte er selbst, und der Umstand trug sehr viel zu der Schüchternheit in seinem Wesen bei, das er in Prima mehr wie jemals äusserte. – Auch waren der Kantor und der Konrektor äusserst auf ihn aufgebracht, dass er ihnen von seiner Versetzung nach Prima vorher nichts gesagt und ohne ihren Rat diesen Schritt getan hätte. Er entschuldgte sich so gut er konnte damit, dass er es nicht bedacht hätte. Der Kantor verzieh ihm auch bald, aber der Konrektor hat es ihm nie verziehen, sondern es ihn noch lange nachher entgelten lassen. Er machte nämlich eine starke Forderung an Reisern für die Privatstunden, die dieser bei ihm gehabt hatte, und wovon jedermann glaubte, dass er sie ihm umsonst würde gegeben haben – dies Geld liess er Reisern einige Jahre hindurch von seinem Chorgelde abziehen, wenn es dieser oft am nötigsten brauchte. – Ein Umstand, der ihn ebenfalls sehr niederschlug.
Nun bekam er in dem haus des Rektors zwar eine stube und kammer, aber auch weiter nichts, denn der Rektor war selbst noch nicht recht eingerichtet. Reiser hatte noch eine wollene Decke von seinen Eltern, dazu mietete man ihm ein Kopfküssen und Unterbette, um ja so viel wie möglich zu sparen; wenn es nun des Nachts kalt war, so musste er seine Kleider zu hülfe nehmen, um sich hinlänglich zu bedecken. Ein altes Klavier, das er hatte, diente ihm statt eines Tisches, dazu hatte er eine kleine Bank aus dem Auditorium des Rektors, über dem Bette ein kleines Bücherbrett an einem Nagel hängend, und in der kammer hatte er einen alten Koffer mit ein paar abgetragenen Kleidungsstücken stehen – das war seine ganze häusliche Einrichtung, wobei er sich aber doch um ein grosses glücklicher befand als in der stube der Frau Filter, in welcher sonst weit mehr Bequemlichkeiten waren.
Wenn er nun allein auf seiner stube war, so befand er sich so weit recht wohl, aber zu dem Rektor konnte er noch kein Zutrauen fassen. Wenn er ihn gleich im Schlafrock und in der Nachtmütze sah, so schien doch immer ein Nimbus von Ernst und Würde sich um ihn