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beinahe verloren hatte. – Darum wurde auch in der Folge seine Freundschaft mit Philipp Reisern beinahe eine teatralische Freundschaft, die oft so weit ging, dass einer für den andern zu sterben entschlossen war. – Nun wurde ihm die Teatergrille so wert, dass die Sucht zu predigen beinahe ganz dadurch aus seiner Seele verdrängt wurdedenn hier fand seine Phantasie einen weit grösseren Spielraum, weit mehr wirkliches Leben und Interesse als in dem ewigen Monolog des Predigers. – Wenn er die Szenen eines Dramas, das er entweder gelesen oder sich selbst in Gedanken entworfen hatte, durchging, so war er das alles nacheinander wirklich, was er vorstellte, er war bald grossmütig, bald dankbar, bald gekränkt und duldend, bald heftig und jedem Angriff mutig entgegenkämpfend.

Dabei war ihm nun die Aussicht auf Prima äusserst glänzenddenn die Primaner des Lyzeums in Hannover hatten wirklich so viele äussere in die Augen fallende Vorzüge, wie in wenigen schulen stattfinden mögen. – Sie hielten alle Neujahr bei einer grossen Menge Zuschauer einen öffentlichen Aufzug mit Musik und fackeln, indem sie dem Direktor und dem Rektor ein Vivat brachten. – Am Abend darauf überreichten sie das eine Jahr dem Direktor und das andere dem Rektor ein freiwillig zusammengebrachtes Geschenk, das gemeiniglich über hundert Taler betrug, und wobei derjenige, der es überreichte, eine kurze lateinische Rede hieltalsdann wurden sie mit Wein und Kuchen bewirtet und durften sich die Freiheit herausnehmen, ihrem Lehrer in seiner Behausung ein lauterschallendes Vivat zu rufen.

Fast ein Vierteljahr vorher wurde immer schon von der Anordnung dieses Zuges gesprochen.

Alle Sommer in den Hundstagen wurde von den Primanern öffentlich Komödie gespielt, wo ihnen die Wahl der Stücke und die Anordnung ebenfalls allein überlassen war. – Dies beschäftigte sie fast den ganzen Sommer über. – Dann fiel im Jenner das Geburtsfest der Königin und im Mai das Geburtsfest des Königs ein, wo allemal mit grosser Feierlichkeit ein Redeaktus veranstaltet wurde, bei dem der Prinz, die Minister und fast alle Honoratioren der Stadt erschienen. Die Vorbereitung hiezu nahm nun jedesmal sehr viel Zeit weg. – Dazu kamen jährlich noch zwei öffentliche Prüfungen, die auch allemal mit Ferien begleitet waren. – Hiedurch ging freilich viel Zeit verloren. – Indes waren dies alles doch so viele glänzende Ziele für einen ehrgeizigen Jüngling, welche ihm den Reiz der Schuljahre immer wieder auffrischten, sobald er verlöschen wollte.

etwa einmal einer der Anführer bei dem zug mit fackeln zu sein oder die lateinische Rede bei Überreichung des Geschenks zu halten oder eine Hauptrolle in einem der aufgeführten Stücke zu bekommen oder gar eine Rede an des Königs oder der Königin Geburtstage zu halten, das waren die Wünsche und Aussichten eines Primaners des Lyzeums in Hannover. – Hiezu kam nun noch der elegante Hörsaal der ersten Klasse, mit dem zierlich gebauten doppelten Kateder von schöngebohnten Nussbaumholz und vor den Fenstern die grünen Vorhänge, welches alles sich vereinigte, um Reisers Phantasie aufs neue mit reizenden Bildern von seinem künftigen Zustande anzufüllen und seine Erwartung von dem, was nun mit ihm vorgehen würde, bis auf den höchsten Grad zu spannen. Sogleich nach seinem ersten Schuljahre ein Primaner zu werden, das war ein Glück, welches er sich kaum hätte träumen lassen.

Erfüllt von diesen Hoffnungen und Aussichten reiste er nun in der Ferienwoche vor Ostern mit Fuhrleuten, die denselben Weg nahmen, zu seinen Eltern, um ihnen sein Glück zu verkündigen. – Auf dieser Reise, da der Weg grösstenteils durch Wald und Heide ging, nahm seine vorher erwärmte Phantasie einen ausserordentlichen Schwung; er entwarf Heldengedichte, Trauerspiele, Romane und wer weiss waszuweilen fiel ihm auch der Gedanke ein, sein Leben zu schreiben; der Anfang, den er sich dachte, lief aber immer auf den Schlag der Robinsons hinaus, die er gelesen hatte, dass er nämlich in dem und dem Jahre zu Hannover von armen, doch ehrlichen Eltern geboren sei, und so sollte es denn weiter fortgehen.

Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste, es mochte nun zu Fuss oder zu Wagen sein, war unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschäftigstenein ganzer Zeitraum seines verflossnen Lebens stand vor ihm da, sobald er die vier Türme von Hannover aus dem Gesicht verlorder Gesichtskreis seiner Seele erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen. – Er fühlte sich aus dem umschränkten Zirkel seines Daseins in die grosse weite Welt versetzt, wo alle wunderbaren Ereignisse, die er je in Romanen gelesen hatte, möglich warendass etwa von jenem Hügel plötzlich sein Vater oder seine Mutter wie aus der Ferne ihm entgegenkommen und wie er denn freudig auf sie zueilen würdeer glaubte schon den Ton der stimme seiner Eltern zu hörenund da er nun das erstemal diese Reise tat, so empfand er wirklich das reinste Vergnügen der sehnlichen Erwartung, bei seinen Eltern zu sein: denn was hatte er ihnen nicht für grosse Dinge zu erzählen!

Da er nun am folgenden Mittag hinkam, bewillkommten ihn seine Eltern und seine beiden Brüder mit herzlicher Freude in ihrer ländlichen wohnung. Sie hatten einen kleinen Garten hinter dem haus und waren soweit recht gut eingerichtet. Aber mit dem Hausfrieden stand es leider, wie er bald sah, noch nach wie vor. Er hörte indes von seinem Vater wieder die Ziter spielen und die Lieder der Madam Guion dazu singen. – Sie unterredeten sich nun auch über die Lehren der Madam Guion, und Reiser, der sich in seinem kopf schon eine Art von Metaphysik gebildet hatte, die nahe an den Spinozismus grenzte, traf