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Schriften wieder und erinnerte sich, indem er sie las, an jene glücklichen zeiten zurück, wo er seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war. – Wenn er nun manchmal durch seine äussern Umstände traurig und missmütig gemacht war und ihm keine Lektüre schmecken wollte, so waren die Bibel und die Lieder der Madam Guion das einzige, wozu er wegen des reizenden Dunkels, das ihm darin herrschte, seine Zuflucht nahm. Ihm schimmerte durch den Schleier des rätselhaften Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen, das seine erstorbne Phantasie wieder anfrischteaber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem beständigen Denken an Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort. – In den Verbindungen, worin er jetzt war, bekümmerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand, und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung, als dass er auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein hätte getreu bleiben können.

Indes besuchte er doch den Greis vor seinem tod noch verschiedene Male, bis er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr, dass er tot und begraben sei. – Seine letzten Worte waren gewesen: Alles! alles! alles! – Diese Worte erinnerte sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art von Entzückung von ihm gehört zu haben. – Es schien dann zuweilen, als wollte er mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem Augenblick seine sterbliche Hülle abstreifen. – Darum war es Reisern sehr auffallend, da er hörte, dass der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei, und doch war es ihm auch, als sei er nicht gestorben, so sehr schien dieser fromme Greis immer schon in einer andern Welt zu leben. – Tod und Ewigkeit waren die letzten Male, da ihn Reiser sprach, fast sein einziger Gedanke. – Es war Reisern diesmal fast nicht anders, als ob der alte Mann ausgezogen sei, da er ihn habe besuchen wollen, und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgültigkeit, sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes.

Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren, dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte. Er fühlte sich in manchen Stunden, ohne selbst zu wissen warum, verlassner wie sonst. – Die Frau Filter wurde der Last, welche ihr sein Aufentalt bei ihr machte, ebenfalls immer überdrüssiger und sagte ihm endlich, nachdem sie dreiviertel Jahre lang Geduld gehabt hatte, die wohnung auf, mit dem wohlgemeinten Rate, dass er sich nun nach einem andern Logis umsehen solle. – Indes war der Rektor des Lyzeums abgegangen, und der neue Rektor Sextroh, welcher an dessen Stelle gewählt wurde, war ein guter Freund von dem Pastor Marquard, der nun darauf dachte, Reisern bei diesem Mann ins Haus zu bringen, und ihn im voraus auf die grossen Vorteile aufmerksam machte, welche ihm dadurch erwachsen würden, wenn er das Glück haben sollte, von diesem mann in sein Haus aufgenommen zu werden. – Also bei dem Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehenwie sehr schmeichelte dies seiner Eitelkeit! Denn, dachte er sich, wenn es ihm glücken sollte, sich bei dem Rektor beliebt zu machen, was für eine glänzende Aussicht sich ihm dann eröffnete, da überdem nun der Rektor sein Lehrer wurde, indem er nach Endigung seines ersten Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte, worin der Direktor und der Rektor allein Unterricht gaben.

Im grund war es ihm äusserst angenehm, dass ihm die Frau Filter die wohnung aufsagte, weil er es nie hätte wagen dürfen, nur ein Wort davon zu erwähnen, dass er von ihr wegziehen wolle. – Hiezu kam nun noch, dass er die grosse Erwartung hatte, ein Hausgenosse des Rektors, seines künftigen Lehrers, zu werden. Allein um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden angefangen, welche auf sein ganzes künftiges Leben einen grossen Einfluss gehabt hat.

Ich habe nämlich schon der Deklamationsübungen erwähnt, welche in Sekunda von dem Konrektor veranstaltet wurden. Dies hatte für ihn und Iffland einen so ausserordentlichen Reiz, dass alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser nichts mehr wünschte, als gelegenheit zu haben, mit mehreren seiner Mitschüler einmal eine Komödie aufzuführen, um sich im Deklamieren hören zu lassendies hatte einen so unendlichen Reiz für ihn, dass er eine Zeitlang Tag und Nacht mit diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komödie machte, wo zwei Freunde voneinander getrennt werden sollten und darüber untröstlich waren usw. – Auch fand er in Leidings Handbibliotek, die ihm jemand geliehen hatte, ein rührendes Drama in Versen: 'Der Einsiedler', welches er gern mit Iffland aufführen wollte. Er wünschte sich denn eine recht affektvolle Rolle, wo er mit dem grössten Patos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen könnte, die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt, wo alles so kahl, so armselig zuging, nicht haben konnte. – Dieser Wunsch war bei Reisern sehr natürlich; er hatte Gefühle für Freundschaft, für Dankbarkeit, für Grossmut und edle Entschlossenheit, welche alle ungenutzt in ihm schlummerten; denn durch seine äussere Lage schrumpfte sein Herz zusammen. – Was Wunder, dass es sich in einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen natürlichen Empfindungen nachzuhängen suchte!

In dem Schauspiel schien er sich gleichsam wiederzufinden, nachdem er sich in seiner wirklichen Welt