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in Schnee und Kälte dicht aneinander gedrängt auf der Strasse, bis ein Bote, der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird, die Nachricht bringt, dass in irgendeinem haus soll gesungen werden. – Dann geht man in das Haus hinein und wird gemeiniglich in die stube genötigt, wo denn erst eine Arie oder Motette, die sich auf die Zeit passt, gesungen wird. – Alsdann pflegt mancher Hauswirt so höflich zu sein und die Chorschüler mit Wein oder Kaffee und Kuchen zu bewirten. Diese Aufnahme in einer warmen stube, nachdem man oft lange in der Kälte gestanden hatte, und die Erfrischungen, die einem gereicht wurden, waren eine solche Erquickung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, indem man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene häusliche Einrichtungen und Familien in ihren Wohnzimmern versammlet sah, machte einen so angenehmen Eindruck auf die Seele, dass man diese drei Tage über in einer Art von Entzückung und beständigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der Witterung gern gefallen liess. – Das Singen dauerte bis fast in die Nacht, und die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher. – Unter andern wurde auch in einem Hospital für alte Frauen zum Neujahr gesungen, wo sich die Chorschüler mit den alten Müttern in einen Kreis zusammensetzen und mit gefalteten Händen singen mussten: 'Bis hieher hat mich Gott gebracht' usw. – Bei diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein. Man sah nicht so sehr auf die Rangordnung, die Primaner sprachen mit den Sekundanern, und eine ungewöhnliche Heiterkeit verbreitete sich über die Gemüter.

An diesem Neujahr überfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut, Verse zu machen. – Er schrieb Neujahrwünsche in Versen an seine Eltern, seinen Bruder, die Frau Filter und wer weiss an wen und sprach darin von Silberbächen, die sich durch Blumen schlängeln, und von sanften Zephirs und goldnen Tagen, dass es zum Bewundern war. – Sein Vater hatte vorzügliches Vergnügen an dem Silberbach gefunden; seine Mutter aber verwunderte sich, dass er seinen Vater bester Vater nenne, da er doch nur einen Vater habe.

Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen Schriften, die ihm Philipp Reiser geliehen hatte, und die er fast auswendig wusste, so oft hatte er sie durchgelesen. übrigens sieht man leicht, dass er, seitdem er ins Chor ging, zu eignen arbeiten, die von ihm abhingen, eben nicht viel Zeit übrig behielt. Demohngeachtet hatte er allerlei grosse Projekte; der Stil im Kornelius Nepos war ihm z.E. nicht erhaben gnug, und er nahm sich vor, die geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden; etwa so wie der Daniel in der Löwengrube geschrieben wardies sollte denn auch eine Art von Heldengedicht werden.

In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komödien gelesen, und schon der Gedanke, dass dieser Autor unter die schweren gezählt wird, machte, dass er ihn mit grösserm Eifer als etwa den Phädrus oder Eutropius studierte und jedes Stück, was in der Schule gelesen wurde, sogleich zu haus übersetzte. –

Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte getan hatte, besuchte er den alten tauben Mann wieder, der nun weit über hundert Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war, zu aller Verwunderung aber noch ein Jahr vor seinem tod seinen völligen Verstand wieder erhielt. – Reiser wusste seine stube am Ende des langen finstern Ganges, und ihm wandelte ein kleiner Schauer an, als er von ferne den scharrenden gang des alten Mannes hörte, der ihn, da er hereintrat, sehr freundlich willkommen hiess und ihm mit der Hand winkte, dass er ihm etwas aufschreiben solle.

Mit vielem Entzücken schrieb ihm nun Reiser auf, dass er jetzt studiere und schon den Terenz und das griechische Neue Testament übersetze.

Der Greis liess sich herab, an Reisers kindischer Freude teilzunehmen, und wunderte sich darüber, dass er bereits den Terenz verstünde, wozu doch schon eine Menge von Wörtern gehöre. Am Ende schrieb ihm Reiser, um seine Gelehrsamkeit ganz auszukramen, mit griechischen Buchstaben etwas aufund der alte Mann ermunterte ihn zum fernern Fleiss und ermahnte ihn, des Gebets nicht zu vergessen, worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor fünf Jahren, da Reiser ihn zum ersten Male sah, wieder mit ihm betete.

Mit gerührtem Herzen ging Reiser zu haus und nahm sich vor, sich ganz wieder zu Gott zu wenden, das hiess bei ihm, unaufhörlich an Gott zu denkener erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes, worin er sich als ein Knabe befunden hatte, da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war, was nun für grosse Dinge in ihm vorgehen würden. – In diesen Erinnerungen lag eine unbeschreibliche Süssigkeit, denn der Roman, den die frömmelnde Phantasie der gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen und bald wieder angenommen glauben, bald eine sehnsucht und einen Hunger nach ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Grosses und erhält die Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit, so dass auch die Träume des Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen, wie denn Reisern einst träumte, dass er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in kristallnen Strömen badeten. – Ein Traum, der oft wieder seine Einbildungskraft entzückt hat.

Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen