zurückgekommen.
Dieses kleine Buch hatte lange einen starken Einfluss auf seine Handlungen und Gesinnungen: denn was er las, das suchte er auch gleich auszuüben. Daher las er auf jeden Tag in der Woche sehr gewissenhaft den Abend- und Morgensegen, weil im Katechismus stand, man müsse ihn lesen; auch vergass er nicht, das Kreuz dabei zu machen und 'das walte' zu sagen, wie es im Katechismus befohlen war.
Sonst sah er nicht viel von Frömmigkeit, ob er gleich immer viel davon reden hörte und seine Mutter ihn alle Abende einsegnete und niemals vergass, ehe er einschlief, das Zeichen des Kreuzes über ihn zu machen.
Der Herr von Fleischbein hatte unter andern die geistlichen Lieder der Madam Guion ins Deutsche übersetzt, und Antons Vater, der musikalisch war, passte ihnen Melodien an, die grösstenteils einen raschen, fröhlichen gang hatten.
Wenn es sich nun fügte, dass er etwa einmal nach einer langen Trennung wieder zu haus kam, so liess sich denn doch die Ehegattin überreden, einige dieser Lieder mitzusingen, wozu er die Ziter spielte. Dies geschahe gemeiniglich kurz nach der ersten Freude des Wiedersehens, und diese Stunden mochten wohl noch die glücklichsten in ihrem Ehestande sein.
Anton war dann am frohesten und stimmte oft, so gut er konnte, in diese Lieder ein, die ein Zeichen der so seltnen wechselseitigen Harmonie und Übereinstimmung bei seinen Eltern waren.
Diese Lieder gab ihm nun sein Vater, da er ihn für reif genug zu dieser Lektüre hielt, in die hände und liess sie ihn zum teil auswendig lernen.
Wirklich hatten diese Gesänge, ungeachtet der steifen Übersetzung, immer noch so viel Seelenschmelzendes, eine so unnachahmliche Zärtlichkeit im Ausdrucke, solch ein sanftes Helldunkel in der Darstellung und so viel unwiderstehlich Anziehendes für eine weiche Seele, dass der Eindruck, den sie auf Antons Herz machten, bei ihm unauslöschlich geblieben ist.
Oft tröstete er sich in einsamen Stunden, wo er sich von aller Welt verlassen glaubte, durch ein solches Lied vom seligen Ausgehen aus sich selber und der süssen Vernichtung vor dem Urquelle des Daseins.
So gewährten ihm schon damals seine kindischen Vorstellungen oft eine Art von himmlischer Beruhigung.
Einmal waren seine Eltern bei dem Wirt des Hauses, wo sie wohnten, des Abends zu einem kleinen Familienfeste gebeten. Anton musste es aus dem Fenster mit ansehen, wie die Kinder der Nachbarn schön geputzt zu diesem Feste kamen, indes er allein auf der stube zurückbleiben musste, weil seine Eltern sich seines schlechten Aufzuges schämten. Es wurde Abend, und ihn fing an zu hungern; und nicht einmal ein Stückchen Brot hatten ihm seine Eltern zurückgelassen.
Indes er oben einsam sass und weinte, schallte das fröhliche Getümmel von unten zu ihm herauf. – Verlassen von allem, fühlte er erst eine Art von bitterer Verachtung gegen sich selbst, die sich aber plötzlich in eine unaussprechliche Wehmut verwandelte, da er zufälligerweise die Lieder der Madam Guion aufschlug und eins fand, das gerade auf seinen Zustand zu passen schien. – Eine solche Vernichtung, wie er in diesem Augenblick fühlte, musste nach dem lied der Madam Guion vorhergehen, um sich in dem Abgrunde der ewigen Liebe wie ein Tropfen im Ozean zu verlieren. – – Allein, da nun der Hunger anfing, ihm unausstehlich zu werden, so wollten auch die Tröstungen der Madam Guion nichts mehr helfen, und er wagte es, hinunterzugehen, wo seine Eltern in grosser Gesellschaft schmauseten, öffnete ein klein wenig die tür und bat seine Mutter um den Schlüssel zum Speiseschranke und um die Erlaubnis, sich ein wenig Brot nehmen zu dürfen, weil ihn sehr hungere.
Dies erweckte erst das Gelächter und nachher das Mitleid der Gesellschaft nebst einigen Unwillen gegen seine Eltern.
Er ward mit an den Tisch gezogen und ihm von dem Besten vorgelegt, welches ihm denn freilich eine ganz andre Art von Freude als vorher die Guionschen Trostlieder gewährte.
Allein auch jene schwermutsvolle tränenreiche Freude behielt immer etwas Anziehendes für ihn, und er überliess sich ihr, indem er die Guionschen Lieder las, sooft ihm ein Wunsch fehlgeschlagen war oder ihm etwas Trauriges bevorstand, als wenn er z.B. vorher wusste, dass sein Fuss verbunden und die Wunde mit Höllenstein bestrichen werden sollte.
Das zweite Buch, was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen liess, war eine 'Anweisung zum inneren Gebet' von eben dieser Verfasserin.
Hierin ward gezeigt, wie man nach und nach dahin kommen könne, sich im eigentlichen verstand mit Gott zu unterreden und seine stimme im Herzen, oder das eigentliche 'innre Wort', deutlich zu vernehmen; indem man sich nämlich zuerst soviel wie möglich von den Sinnen loszumachen und sich mit sich selbst und seinen eignen Gedanken zu beschäftigen suchte oder meditieren lernte, welches aber auch erst aufhören und man sich selbst sogar erst vergessen müsse, ehe man fähig sei, die stimme Gottes in sich zu vernehmen.
Dies ward von Anton mit dem grössten Eifer befolgt, weil er wirklich begierig war, so etwas Wunderbares als die stimme Gottes in sich zu hören.
Er sass daher halbe Stunden lang mit verschlossnen Augen, um sich von der Sinnlichkeit abzuziehen. Sein Vater tat dieses zum grössten Leidwesen seiner Mutter ebenfalls. Auf Anton aber achtete sie nicht, weil sie ihn zu keiner Absicht fähig hielt, die er dabei haben könne.
Anton kam bald so weit, dass er glaubte, von den Sinnen ziemlich abgezogen zu sein, und nun fing er an, sich wirklich mit Gott zu unterreden,