schmeichelhaft, und er liess die Leute bei dieser Meinung, obgleich sein Fleiss lange nicht so gross war, wie er hätte sein können, wenn das Drückende seiner Lage in Ansehung seiner Nahrung und wohnung ihn nicht oft träge und missmütig gemacht hätte.
Denn die unwürdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm oft einen grossen teil der achtung gegen sich selbst, welche schlechterdings zum Fleiss notwendig ist. – Oft ging er mit traurigem Herzen zur Schule, wenn er aber denn einmal darin war, so vergass er seines Kummers, und die Schulstunden waren im grund noch seine glücklichsten Stunden.
Wenn er aber dann wieder zu haus kam und sich manchmal verblümterweise musste zu verstehen geben lassen, wie überdrüssig man seiner Gegenwart wäre – dann sass er stundenlang und getraute sich kaum Atem zu holen – er war dann in einem entsetzlichen Zustande – und hätte in der Welt nichts arbeiten können, denn sein Herz war ihm durch diese Begegnung zerrissen. –
So konnten auch die Blicke der Frau des Garnisonküsters, wenn er dort gegessen hatte, ihn auf einige Tage niederschlagen und ihm den Mut zum Fleiss benehmen.
Sicher wäre Reiser glücklicher und zufriedener und gewiss auch fleissiger gewesen, als er war, hätte man ihn von dem Gelde, das der Prinz für ihn hergab, Salz und Brot für sich kaufen lassen, als dass man ihn an fremden Tischen sein Brot essen liess.
Es war abscheulich, in was für eine Lage er einmal geriet, da die Frau des Garnisonküsters über Tische erst anfing von den schlechten zeiten und von dem harten Winter und dann von dem Holzmangel zu reden und endlich über die Besorgnis in Tränen ausbrach, wo man noch zuletzt Brot herschaffen solle; und da Reiser in der Verlegenheit über diese Reden unversehns ein Stück Brot an die Erde fallen liess, ihn mit den Augen einer Furie anblickte, ohne doch etwas zu sagen. – Da sich Reiser über diese unwürdige Begegnung der Tränen nicht entalten konnte, so brach sie gegen ihn los, warf ihm mit dürren Worten Unhöflichkeit und ungeschicktes Betragen vor und gab zu verstehen, dass dergleichen Leute, die ihr den Bissen im mund zu Gift machten, an ihrem Tische nicht willkommen wären. – Der gute Garnisonküster, der Reisern innig bedauerte, aber das Regiment nicht im haus führte, erbarmte sich seiner und sagte ihm sogleich den Tisch auf. – So beschämt, erniedrigt und herabgewürdigt musste nun Reiser aus diesem haus gehen und durfte es kaum wagen, sich zu haus davon etwas merken zu lassen, dass er einen Freitisch verloren habe.
Wenn ihm der Garnisonküster nachher zuweilen auf der Strasse begegnete, drückte er ihm einen halben Gulden in die Hand, um ihn für die Missgunst und den Geiz seiner Frau schadlos zu halten.
Nun gab es wieder eine Art Leute, welche, wenn sie Reisern eine Mahlzeit zu essen gaben, alle Augenblick zu sagen pflegten, wie gern es ihm gegönnt sei, und dass er sichs nur recht sollte schmecken lassen, denn für eine Mahlzeit werde es ihm nun doch einmal gerechnet und dergleichen mehr, welches Reisern nicht weniger verlegen machte, so dass ihm das Essen, statt des Vergnügens, was man sonst dabei empfindet, gemeiniglich eine wahre Qual war. – Wie glücklich fühlte er sich, da er am ersten Sonntage, nachdem er den Tisch bei dem Garnisonküster verloren und es zu haus noch nicht hatte sagen wollen, ein Dreierbrot verzehrte und dabei einen Spaziergang um den Wall machte.
Es schien, als ob sich alles vereinigt habe, Reisern in der Demut zu üben; ein Glück, dass er nicht niederträchtig darüber wurde dann würde er freilich zufrieden und vergnügter gewesen sein, aber um alle den edlen Stolz, der den Menschen allein über das Tier erhebt, das nur seinen Hunger zu stillen sucht, wäre es bei ihm getan gewesen.
Der Stand des geringsten Lehrburschen eines Handwerkers ist ehrenvoller als der eines jungen Menschen, der, um studieren zu können, von Wohltaten lebt, sobald ihm diese Wohltaten auf eine herabwürdigende Art erzeigt werden. Fühlt sich ein solcher junger Mensch glücklich, so ist er in Gefahr, niederträchtig zu werden, und hat er nicht die Anlage zur Niederträchtigkeit, so wird es ihm wie Reisern gehen; er wird missmütig und menschenfeindlich gesinnet werden, wie es Reiser wirklich wurde, denn er fing schon damals an, in der Einsamkeit sein grösstes Vergnügen zu finden.
Einmal schickte ihn die Frau Filter sogar mit einem grossen Stück Leinwand in des Prinzen Haus, welches dort an die Leute zum Verkauf vorgezeigt werden sollte. – Alles Sträuben dagegen würde nichts geholfen haben – denn der Pastor Marquard hatte einmal der Frau eine unbeschränkte Gewalt über Reisern erteilet – und jede Weigerung würde ihm als ein unverzeihlicher Stolz ausgelegt worden sein. – Es würde ihm nicht ins Schild gemalt werden, pflegte dann die Frau Filter wohl zu sagen. – Ebenso wenig durfte er sich sträuben, das Brot zu holen, welches der Hoboist vom Regiment bekam, und ob er dies gleich immer in der Dämmerung tat und die abgelegensten Strassen wählte, damit ihn keiner seiner Mitschüler sehen möchte, so bemerkte ihn doch einmal einer derselben zu seinem grössten Schrecken, welcher aber zum Glück so gut gesinnet war, dass er ihm völlige Verschwiegenheit versprach und hielt, ihm aber doch, wenn sie sich in der Klasse zuweilen verunwilligten, drohete, es ruchtbar zu machen.
Endlich wurde ihm denn doch von dem Gelde des Prinzen ein neues Kleid geschafft, weil sein alter roter Soldatenrock gar nicht mehr halten