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bis zum ersten platz hinaufzuarbeiten: wie aufmunternd war ihm nun das Lob des Kantors und wie eindringend der Zuspruch desselben, dass er sich nun auf diesem platz solle zu behaupten suchen! – Nun erteilte der Kantor immer dem ersten in der Klasse das Amt eines Zensors oder Aufsehers über das Betragen der übrigen, und da nun Reiser sich immer auf seinem ersten platz behauptete, so gab ihm der Kantor den ehrenvollen Titel eines censor perpetuus oder immerwährenden Aufsehers. Er verwaltete dies Amt mit der grössten Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit und sah es oft mit Wehmut an, wie die Buben den guten Kantor, der freilich auch nicht immer den rechten Weg der Disziplin einschlug, ärgerten und ihm das Leben sauer machten, so dass derselbe oft in der Betrübnis seines Herzens ausrief: Quem Dii odere, paedagogum fecere, wen die Götter hassten, den machten sie zum Schulmann. – Für den Kantor hätte Reiser alles aufgeopfert, weil er nie ungerecht gegen ihn gewesen war, obgleich das Betragen desselben sonst auch nicht immer das freundlichste war. – Wie rührend war es Reisern oft, wenn in der Katechismusstunde alles um ihn her lärmte und tobte, und der Kantor denn mit Gewalt aufs Buch schlug und sagte: Ich habe Gottes Wort an euch! – Nur schade, dass der gute Mann dergleichen Ausdrücke, die, zu rechter Zeit angebracht, ihre wirkung nicht verfehlen, zu oft anbrachte und gewisse Gemeinplätze als: Torheit steckt dem Knaben im Herzen und dergleichen, alle Augenblicke im mund führte, wodurch man sich denn am Ende so sehr daran gewöhnte, dass niemand mehr darauf achtete, und eben daher entstand die ewige Unruhe in den Lehrstunden des Kantors. – Der Konrektor sprach weniger bei seinen Züchtigungen, darum bewirkten sie mehr Stille und Ordnung.

Da nun Reiser auf eine kurze Zeit die Schule besucht hatte, so kam er auf den Einfall, ins Chor zu gehen; nicht sowohl um Geld zu verdienen, als vielmehr in einen neuen ehrenvollen Stand zu treten, wovon er sich schon als Hutmacherbursche in Braunschweig immer so grosse Begriffe gemacht hatte. –

Seine Phantasie hatte hier wieder Spielraum. – Das war ihm alles so himmlisch, so feierlich, in die Lobgesänge zur Ehre Gottes öffentlich mit einzustimmen. – Der Name "Chor" tönte ihm so angenehm. – Das Lob Gottes in "vollen Chören" zu singen war ein Ausdruck, der ihm immer im Sinn schallte. – Er konnte die Zeit kaum abwarten, wo er in diese glänzende Versammlung würde aufgenommen werden.

Einer seiner Mitschüler, der schon lange im Chor gesungen hatte, versicherte ihm zwar, er sei es so satt und überdrüssig, dass er lieber heute als morgen davon frei sein möchte. – Reiser konnte sich das unmöglich einbilden. Er besuchte mit grossem Eifer die Lehrstunde, wo der Kantor Unterricht im Singen erteilte, und beneidete nun jeden, der eine bessere stimme besass als er.

Nicht weit von Hannover ist ein Wasserfall, wo er auf Anraten des Kantors oft stundenlang hinging, um sich recht auszuschreien und seine stimme zu üben. – Allein es wollte mit dem Singen nie recht fort. Denn es fehlte ihm zugleich an dem, was man musikalisches Gehör nennt. Aber das Teoretische, was der Kantor bei seinem Unterricht mit einfliessen liess, war ihm desto willkommner, und er machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnügen.

Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allentalben sehr viel Rühmens von ihm, so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte. – Da fügte es sich einmal, dass Reiser dem Kantor für das gute Zeugnis dankte, das ihm derselbe bei einem seiner gönner gegeben hatte, und der Kantor erwiderte: Reiser habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben; denn es war ihm wieder zu Ohren gekommen, wie gut Reiser allentalben von ihm sprach.

Die Freude dieses Augenblicks hätte Reiser um vieles in der Welt nicht gegeben, so angenehm war es ihm, dass sein Lehrer es nun selber wusste, wie sehr er ihn liebte. – Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hätte, dem würde er es nicht geglaubt haben, dass der Kantor einmal so sehr sein Freund sein würde. Denn der Konrektor war erstlich sein Mann; dessen lächelnde freundliche Miene und glatte Stirne nahmen ihn ein, indes die finstere Miene des Kantors und seine runzelvolle Stirn ihn zurückscheuchten. Ach, was für ein artiger freundlicher Mann ist der Konrektor gegen den alten mürrischen Kantor! pflegte er im Anfang oft zu sagen: aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald um.

Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der achtung des Kantors immer fester zu setzen. Dies ging so weit, dass er auf einem öffentlichen Spazierplatze, wo der Kantor hinzukommen pflegte, mit einem aufgeschlagenen buch in der Hand auf und nieder ging, um die Blicke seines Lehrers auf sich zu ziehen, der ihn nun für ein Muster des Fleisses halten sollte, weil er sogar beim Spaziergehen studierte. – Ob nun Reiser gleich an dem buch, das er las, wirklich Vergnügen fand, so war doch das Vergnügen, von dem Kantor in dieser Attitüde bemerkt zu werden, noch weit grösser, und man siehet auch aus diesem zug seinen Hang zur Eitelkeit. Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache, obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.

Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiss und pflegte ihm immer anzuraten, dass er seiner Gesundheit schonen sollte. Dies war ihm äusserst