sie auch fand. Aber die Sprache der feinen Lebensart hatte er freilich nie reden gelernet. – Was man insinuantes Wesen nennt, wäre auch bei ihm die kriechendste Schmeichelei gewesen.
Indes war nun die Zeit herangekommen, wo Reiser konfirmiert werden und in der Kirche öffentlich sein Glaubensbekenntnis ablegen sollte – eine grosse Nahrung für seine Eitelkeit – er dachte sich die versammelten Menschen, sich als den ersten unter seinen Mitschülern, der alle Aufmerksamkeit bei seinen Antworten vorzüglich auf sich ziehen würde, durch stimme, Bewegung und Miene. – Der Tag erschien, und Reiser erwachte, wie ein römischer Feldherr erwacht sein mag, dem an dem Tage ein Triumph bevorstand. – Er wurde bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, hoch frisiert und trug einen bläulichen Rock und schwarze Unterkleider, eine Tracht, die der geistlichen gewissermassen sich schon am meisten näherte.
Aber so wie der Triumph des grössten Feldherrn zuweilen durch unerwartete Demütigungen verbittert wurde, dass er ihn nur halb geniessen konnte, so ging es auch Reisern an diesem Tage seines Ruhms und seines Glanzes. – Seine Freitische nahmen mit diesem Tage ihren Anfang. – Er hatte den ersten des Mittags bei dem Garnisonküster und den andern des Abends bei dem armen Schuster – und obgleich der Garnisonküster ein Mann war, der das grossmütigste Herz besass und Reisern seinen Lebenslauf erzählte, wie er auch erst als ein armer Schüler ins Chor gegangen sei, aber schon in seinem siebzehnten Jahre den blauen Mantel mit dem schwarzen vertauscht habe – so war doch die Frau desselben der Neid und die Missgunst selber, und jeder ihrer Blicke vergiftete Reisern den Bissen, den er in den Mund steckte. Sie liess es sich zwar am ersten Tag nicht so sehr wie nachher, aber doch stark genug merken, dass Reiser niedergeschlagenen Herzens, ohne selbst recht zu wissen, worüber, zur Kirche ging und die Freude, die er sich an diesem sehnlich gewünschten Tage versprochen hatte, nur halb empfand. – Er sollte nun hingehn, um sein Glaubensbekenntnis auf gewisse Weise zu beschwören. –
Dies dachte er sich, und ihm fiel dabei ein, dass sein Vater vor einiger Zeit zu haus erzählt hatte, wie er wegen seines Dienstes vereidet worden war, dass er nichts weniger als gleichgültig dabei gewesen sei – und Reiser schien sich, da er zur Kirche ging, gegen den Eid, den er ablegen sollte, gleichgültig zu sein. – Aus dem Unterricht, den er in der Religion bekommen, hatte er sehr hohe Begriffe vom Eide und hielt diese Gleichgültigkeit an sich für höchst strafbar. Er zwang sich also, nicht gleichgültig, sondern gerührt und ernstaft zu sein bei diesem wichtigen Schritte und war mit sich selber unzufrieden, dass er nicht noch weit gerührter war; aber die Blicke der Frau des Garnisonküsters waren es, welche alle sanfte und angenehme Empfindungen aus seinem Herzen weggescheucht hatten.
Er konnte sich doch nicht recht freuen, weil niemand war, der an seiner Freude recht nahen Anteil nahm, weil er dachte, dass er auch selbst an diesem Tage an fremden Tischen essen musste. Da er indes in die Kirche kam und nun vor den Altar trat und obenan in der Reihe stand, so erwärmete das alles zwar wieder seine Phantasie – aber es war doch lange das nicht, was er sich versprochen hatte. – Und gerade das Wichtigste und Feierlichste, die Ablegung des Glaubensbekenntnisses, welches einer im Namen der übrigen tun musste, kam nicht an ihn, und er hatte sich doch schon viele Tage vorher auf Miene, Bewegung und Ton geübt, womit er es ablegen wollte.
Er dachte, der Pastor Marquard würde ihn etwa den Nachmittag zu sich kommen lassen, aber er liess ihn nicht zu sich kommen – und während dass seine Mitschüler nun zu haus gingen und der zärtlichen Bewillkommnung ihrer Eltern entgegen sahen, ging Reiser einsam und verlassen auf der Strasse umher, wo ihm der Direktor des Lyzeums begegnete, der ihn anredete und fragte, ob er nicht Reiserus hiesse – und als Reiser mit Ja antwortete, ihm freundlich die Hand druckte und sagte, er habe schon durch den Pastor Marquard viel Gutes von ihm gehört und würde bald näher mit ihm bekannt werden.
Welche unerwartete Aufmunterung für ihn, dass dieser Mann, den er schon oft mit tiefer Ehrfurcht betrachtet hatte, ihn auf der Strasse anzureden würdigte und ihn Reiserus nannte.
Der Direktor Ballhorn war wirklich ein Mann, welcher einem jeden, der ihn sah, Ehrfurcht und Liebe einzuflössen imstande war. Er kleidete sich zierlich und doch anständig, trug sich edel, war wohlgebildet, hatte die heiterste Miene, worin ihm sooft er wollte der strengste Ernst zu Gebote stand. Er war ein Schulmann, gerade wie er sein sollte, um von diesem stand die Verachtung der feinen Welt, womit die gewöhnliche Pedanterie desselben belegt ist, abzuwälzen.
Wie es nun kam, dass er Reisern Reiserus nannte, mag der Himmel wissen, gnug, er nannte ihn so, und es schmeichelte Reisern nicht wenig, auf die Weise seinen Namen zum erstenmal in us umgetauft zu sehen. – Da er mit dieser Endigung der Namen immer die idee von Würde und einer erstaunenswürdigen Gelehrsamkeit verknüpft hatte und sich nun schon im geist den gelehrten und berühmten Reiserus nennen hörte.
Diese Benennung, womit er so zufälligerweise von dem Direktor Ballhorn beehrt wurde, ist ihm nachher auch oft wieder eingefallen und manchmal mit ein Sporn zum Fleisse gewesen; denn mit dem us an seinem Namen erwachte auf einmal die ganze Reihe von Vorstellungen, einmal ein berühmter Gelehrter