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sich wie von einem, der schon wie ein Toter beobachtet wird, reden. Dies war ihm immer lächerlich oder vielmehr war ihm das Sterben selbst, wie er sich damals vorstellte, mehr etwas Lächerliches als etwas Ernstaftes. Seine Base, der er doch etwas lieber wie seinen Eltern zu sein schien, ging endlich mit ihm zu einem Arzt, und eine Kur von einigen Monaten stellte ihn wieder her.

Kaum war er einige Wochen gesund, als ihn gerade bei einem Spaziergange mit seinen Eltern auf das Feld, der ihm sehr etwas Seltnes und eben daher desto reizender war, der linke Fuss an zu schmerzen fing. Dies war nach überstandner Krankheit sein erster und sollte auf lange Zeit sein letzter Spaziergang sein.

Am dritten Tage war die Geschwulst und Entzündung am fuss schon so gefährlich geworden, dass man am vierten zur Amputation schreiten wollte. Antons Mutter sass und weinte, und sein Vater gab ihm zwei Pfennige. Dies waren die ersten Äusserungen des Mitleids gegen ihn, deren er sich von seinen Eltern erinnert, und die wegen der Seltenheit einen desto stärkern Eindruck auf ihn machten.

An dem Tage vor der beschlossnen Amputation kam ein mitleidiger Schuster zu Antons Mutter und brachte ihr eine Salbe, durch deren Gebrauch sich die Geschwulst und Entzündung im fuss während wenigen Stunden legte. Zum Fussabnehmen kam es nun nicht, aber der Schaden dauerte demohngeachtet vier Jahre lang, ehe er geheilt werden konnte, in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft unsäglichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit entbehren musste.

Bei diesem Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem haus gehen, nachdem er eine Weile zuheilte und immer wieder aufbrach.

Oft musste er ganze Nächte hindurch wimmern und klagen und die abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden erdulden. Dies entfernte ihn natürlicherweise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit seinesgleichen und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Bücher. Am häufigsten las er, wenn er seinen jüngern Bruder wiegte, und wann es ihm damals an einem buch fehlte, so war es, als wenn es ihm jetzt an einem Freunde fehlt: denn das Buch musste ihm Freund und Tröster und alles sein.

Im neunten Jahre las er alles, was geschichte in der Bibel ist, vom Anfange bis zu Ende durch; und wenn einer von den Hauptpersonen, als Moses, Samuel oder David, gestorben war, so konnte er sich tagelang darüber betrüben, und es war ihm dabei zumute, als sei ihm ein Freund abgestorben, so lieb wurden ihm immer die Personen, die viel in der Welt getan und sich einen Namen gemacht hatten.

So war Joab sein Held, und es schmerzte ihn, sooft er schlecht von ihm denken musste. Insbesondre haben ihn oft die Züge der Grossmut in Davids geschichte, wenn er seines ärgsten Feindes schonte, da er ihn doch in seiner Gewalt hatte, bis zu Tränen gerührt.

Nun fiel ihm das Leben der Altväter in die hände, welches sein Vater sehr hochschätzte, und diese Altväter bei jeder gelegenheit als Autoritäten anführte. So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an: die Madam Guion spricht, oder der heilige Makarius oder Antonius sagt usw.

Die Altväter, so abgeschmackt und abenteuerlich oft ihre geschichte sein mochte, waren für Anton die würdigsten Muster zur Nachahmung, und er kannte eine Zeitlang keinen höhern Wunsch, als seinem grossen Namensgenossen, dem heiligen Antonius, ähnlich zu werden und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in eine Wüste zu fliehen, die er nicht weit vom Tore zu finden hoffte, und wohin er einmal wirklich eine Reise antrat, indem er sich über hundert Schritte weit von der wohnung seiner Eltern entfernte und vielleicht noch weiter gegangen wäre, wenn die Schmerzen an seinem fuss ihn nicht genötigt hätten, wieder zurückzukehren. Auch fing er wirklich zuweilen an, sich mit Nadeln zu pricken und sonst zu peinigen, um dadurch den heiligen Altvätern einigermassen ähnlich zu werden, da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte.

Während dieser Lektüre ward ihm ein kleines Buch geschenkt, dessen eigentlichen Titel er sich nicht erinnert, das aber von einer frühen Gottesfurcht handelte und Anweisung gab, wie man schon vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre in der Frömmigkeit wachsen könne. Die Abhandlungen in diesem Büchelchen hiessen also: 'Für Kinder von sechs Jahren', 'Für Kinder von sieben Jahren' usw. Anton las also den Abschnitt 'Für Kinder von neun Jahren' und fand, dass es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, dass er aber schon drei Jahre versäumt habe.

Dies erschütterte seine ganze Seele, und er fasste einen so festen Vorsatz sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mögen. Von der Stunde an befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung usw. in dem buch stand, auf das pünktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen Schritt zur Sünde. Wie weit, dachte er, werde ich nun nicht schon in fünf Jahren sein, wenn ich hierbei bleibe. Denn in dem kleinen buch war das Fortrücken in der Frömmigkeit gleichsam zu einer Sache des Ehrgeizes gemacht, wie man etwa sich freuet, aus einer Klasse in die andere immer höher gestiegen zu sein.

Wenn er, wie natürlich, sich zuweilen vergass und einmal, wenn er Linderung an seinem fuss fühlte, umhersprang oder lief, so fühlte er darüber die heftigsten Gewissensbisse, und es war ihm immer, als sei er nun schon einige Stufen wieder