Pastor Marquard dahergegangen – und wie gross war nun Reisers Beschämung und Verwirrung, da ihn die beiden Jungen selbst zuerst aufmerksam darauf machten und ihm mit einer Art von Schadenfreude den Zorn vorstellten, den nun der Pastor Marquard auf ihn werfen würde.
Was? – ich will einst selbst solch ein ehrwürdiger Mann werden, wie daherkömmt – wünsche, dass mir das jetzt schon ein jeder ansehen soll, damit sich irgendeiner findet, der sich meiner annimmt und mich aus dem Staube hervorzieht, und muss nun in der Stellung von diesem mann überrascht werden, bei dem ich konfirmiert werden soll, wo ich gelegenheit hätte, mich in meinem besten Lichte zu zeigen? – Dieser Mann, was wird er nun von mir denken, wofür wird er mich halten?
Diese Gedanken gingen Reisern durch den Kopf und bestürmten ihn auf einmal so sehr mit Scham, Verwirrung und Verachtung seiner selbst, dass er glaubte in die Erde sinken zu müssen. – Aber er ermannte sich, das Selbstzutrauen arbeitete sich unter der erstickenden Scham wieder hervor und flösste ihm zugleich Mut und Zutrauen gegen den Pastor Marquard ein – er fasste schnell ein Herz, ging geradesweges auf den Pastor Marquard zu und redete ihn auf öffentlicher Strasse an, indem er zu ihm sagte, er sei einer von den Knaben, die bei ihm zur Kinderlehre gingen, und der Pastor Marquard möchte doch deswegen keinen Zorn auf ihn werfen, dass er sich eben jetzt mit den beiden Jungen dort geschlagen hätte, dies wäre sonst gar seine Art nicht; die Jungen hätten ihn nicht zufrieden gelassen: und es sollte nie wieder geschehen. –
Dem Pastor Marquard war es sehr auffallend, sich auf der Strasse von einem Knaben auf die Weise angeredet zu sehen, der sich eben mit ein paar andern Buben herumgebalgt hatte. – Nach einer kleinen Pause antwortete er: es sei freilich sehr unrecht und unschicklich, sich zu balgen, indes hätte das weiter nichts zu sagen, wenn er es künftig unterliesse; darauf erkundigte er sich auch nach seinem Namen und Eltern, fragte ihn, wo er bis jetzt in die Schule gegangen wäre usw., und entliess ihn sehr gütig. – Wer war aber froher als Reiser, und wie leicht war ihm ums Herz, da er sich nun wieder aus dieser gefährlichen Situation herausgewickelt glaubte!
Und wie viel froher würde er noch gewesen sein, hätte er gewusst, dass dieser ohngefähre Zufall allen seinen ängstlichen Besorgnissen ein Ende machen und die erste Grundlage seines künftigen Glücks sein würde. – Denn von dem Augenblick an hatte der Pastor Marquard den Gedanken gefasst, sich näher nach diesem jungen Menschen zu erkundigen und sich seiner tätig anzunehmen, weil er nicht ohne Grund vermutete, dass, sobald des jungen Reisers Betragen gegen ihn nicht Verstellung war, es keine gemeine denkart bei einem Knaben von dem Alter voraussetzte – und dass es nicht Verstellung war, dafür schien ihm seine Miene zu bürgen.
Den Sonntag darauf fragte ihn der Pastor Marquard des Nachmittags in der Kinderlehre öfter wie sonst; und Reiser hatte nun schon gewissermassen einen seiner Wünsche erreicht, in der Kirche vor dem versammelten volk wenigstens auf irgendeine Art öffentlich reden zu können, indem er die Katechismusfragen des Pastors mit lauter und vernehmlicher stimme beantwortete, wobei er sich denn sehr von den übrigen unterschied, indem er richtig akzentuierte, da jene ihre Antworten in dem gewöhnlichen singenden Ton der Schulknaben herbeteten.
Nach geendigter Kinderlehre winkte ihn der Pastor Marquard beiseite und entbot ihn auf den andern Morgen zu sich – welch eine freudige Unruhe bemächtigte sich nun auf einmal seiner Gedanken, da es schien, als ob sich irgendein Mensch einmal näher um ihn bekümmern wollte – denn damit schmeichelte er sich nun freilich, dass der Pastor Marquard durch seine Antworten aufmerksam auf ihn geworden sei; und er nahm sich nun auch vor, Zutrauen zu diesem mann zu fassen und ihm alle seine Wünsche zu entdecken.
Als er nach einer fast schlaflosen Nacht den andern Morgen zu dem Pastor Marquard kam, fragte ihn dieser zuerst, was für einer Lebensart er sich zu widmen dächte, und bahnte ihm also den Weg zu dem, was er schon selbst vorzubringen im Sinn hatte. Reiser entdeckte ihm sein Vorhaben. – Der Pastor Marquard stellte ihm die Schwierigkeiten vor, sprach ihm aber doch auch zugleich wieder Mut ein und machte den Anfang zur tätigen Ermunterung damit, dass er versprach, ihn durch seinen einzigen Sohn, der die erste Klasse des Lyzeums in Hannover besuchte, in der lateinischen Sprache unterrichten zu lassen, womit auch noch in derselben Woche der Anfang gemacht wurde.
Bei dem allen glaubte Reiser in den Mienen und dem Betragen des Pastor Marquard zu lesen, dass er noch irgend etwas Wichtiges zurückbehielte, welches er ihm zu seiner Zeit sagen würde; in dieser Vermutung wurde er noch mehr durch die geheimnisvollen Ausdrücke des Garnisonküsters bestärkt, dessen Lehrstunden er noch besuchte, und der ihm immer einen Stuhl setzte, wenn er kam, indes die andern auf Bänken sassen. – Dieser pflegte denn wohl, wenn die Stunde aus war, zu ihm zu sagen: Sein Sie ja recht auf Ihrer Hut und denken Sie, dass man genau auf Sie achtgibt. – Es sind grosse Dinge mit Ihnen im Werke! und dergleichen mehr, wodurch nun Reiser freilich anfing, sich eine wichtigere person als bisher zu glauben, und seine kleine Eitelkeit mehr wie zu viel Nahrung erhielt, die sich denn oft töricht genug in seinem Gange und in seinen Mienen äusserte, indem er manchmal in seinen Gedanken mit allem Ernst und