seines Vaters, der ihn davon abhielte, und der ihn nichts als ein Handwerk wolle lernen lassen. Der rauhe R ... schien über dies Zutrauen gerührt zu sein und sprach Anton Mut ein, sich dem Inspektor zu entdecken, der ihm vielleicht noch eher zu seinem Endzweck würde behülflich sein können. Das war nun eben der Inspektor, welcher zu Anton, da er beim Buchstabieren nicht vorschreien wollte, mit der verächtlichsten Miene "dummer Knabe!" gesagt hatte, welches er noch nicht vergessen konnte und also noch lange Bedenken trug, einem solchen mann seine Neigung zum Studieren zu entdecken, der gezweifelt hatte, ob er auch buchstabieren könne.
Indes nahm die achtung, worin sich Anton in dieser Schule setzte, von Tage zu Tage zu, und er erreichte seinen Wunsch, hier der erste zu sein und die meiste Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehen. Dies war freilich eine solche Nahrung für seine Eitelkeit, dass er sich oft schon im Geist als Prediger erblickte, insbesondere, wenn er schwarze Unterkleider trug – dann trat er mit einem gravitätischen Schritt und ernstafter als sonst einher. –
Am Ende der Woche des Sonnabends wurde immer, nachdem vorher das Lied 'Bis hieher hat mich Gott gebracht' gesungen war, von einem der Schüler ein langes Gebet gelesen, – wenn dies an Anton kam, so war das ein wahres fest für ihn – er dachte sich auf der Kanzel, wo er noch während der letzten Verse des Gesanges seine Gedanken sammelte und nun auf einmal wie der Pastor Paulmann mit aller Fülle der Beredsamkeit in ein brünstiges Gebet ausbrach. – Seine Deklamation bekam also für einen Schulknaben freilich zu viel Patos, als dass dieses nicht hätte auffallend sein sollen. Der Lehrer liess ihn also nur selten das Gebet lesen. –
Ja, es entstand zuletzt sogar eine Art von Neid gegen ihn bei den Lehrern. – Einer derselben stellte eine Übung an, wo eine von Hübners biblischen Historien von den Schülern mit eignen Worten musste wiedererzählt werden. Anton schmückte diese Historie mit aller seiner Phantasie auf eine poetische Art aus und trug sie mit einer Art von rednerischem Schmuck wieder vor – das beleidigte den Lehrer, der am Ende die Bemerkung machte, Anton solle kürzer erzählen. Das künftigemal fasste er also die ganze Erzählung in ein paar Worte zusammen und war in zwei Minuten damit fertig. – Das war dem Lehrer wieder zu kurz und brachte ihn aufs neue auf – endlich liess er ihn gar keine Historien mit eignen Worten mehr erzählen. – Des Nachmittags fürchteten sich die Lehrer, welche die Katechisation wiederholten, ihn zu fragen, weil er immer mehr als sie nachgeschrieben hatte – er konnte also gar nicht einmal mehr dazu kommen, seine Fähigkeiten zu zeigen, welches doch sein höchster Wunsch war, um Aufmerksamkeit auf sich zu erregen.
Voller Unwillen darüber, dass er immer ungefragt und stumm dasitzen musste, ging er endlich einmal mit tränenden Augen zum Inspektor, der ihn in den Morgenstunden nun auch öfter gefragt hatte und sein Urteil über ihn geändert zu haben schien, – dieser fragte ihn, was ihm fehle, ob ihm etwa von einem seiner Mitschüler Unrecht geschehen sei, und Anton antwortete: nicht von seinen Mitschülern, sondern von seinen Lehrern sei ihm Unrecht geschehen, diese vernachlässigten ihn, und niemand fragte ihn mehr, wenn er gleich die Sache besser als andre wüsste. Hierin möchte man ihm doch Recht verschaffen!
Der Inspektor suchte ihm das auszureden und entschuldigte die Lehrer mit der Menge der Schüler, von der Zeit an aber fing er an, selbst aufmerksamer auf ihn zu werden, und fragte ihn des Morgens in der Frühstunde öfter als sonst.
In einer Stunde wöchentlich wurde eine Übung mit den Psalmen angestellt, wo ein jeder der Schüler sich Lehren herausziehn musste; diese wurden auf ein Blatt Papier oder eine Rechentafel geschrieben und dann abgelesen, wobei mancher stark zu schwitzen pflegte. – Der Inspektor war dabei. Anton schrieb nichts auf. Als aber die Reihe an ihn kam, ging er den ganzen Psalm durch und hielt eine ordentliche Abhandlung oder Predigt darüber, die fast eine halbe Stunde dauerte, so dass der Inspektor selbst am Ende sagte: es sei nun genug; – er solle den Psalm nicht eigentlich erklären, sondern nur einige moralische Lehren herausziehen.
Auf die Weise ging beinahe ein Jahr hin, wo Anton so ausserordentliche Fortschritte in seinem Fleiss tat und sich so untadelhaft betrug, dass er seinen Zweck, Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, im höchsten Grade erreichte, indem er sich sogar den Neid seiner Lehrer zuzog.
Nun stand er aber auch auf dem entscheidenden Punkte, wo er irgendeine Lebensart wählen sollte, und die Härte seines Vaters, der nun daran arbeitete, ihn bald loszuwerden, nahm von Tage zu Tage gegen ihn zu, so dass die Schule gleichsam ein sichrer Zufluchtsort für ihn vor der Bedrückung und Verfolgung zu haus war.
Sein geliebter Lehrer R ... wurde indes zu einem Dorfschulmeister befördert, und nun hatte er keinen eigentlichen Freund mehr unter seinen Lehrern. – Dieser riet ihm bei seinem Abschiede noch einmal, sich geradezu an den Inspektor zu wenden – und weil es nun ohnedem die höchste Zeit war, irgendeinen Entschluss zu fassen, so wagte er es eines Tages mit klopfendem Herzen, den Inspektor um Gehör zu bitten, weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe. – Dieser nahm ihn mit auf seine stube, und hier wurde Anton freimütiger, erzählte ihm seine Schicksale und entdeckte ihm sein ganzes Herz. –