War ehemals in Braunschweig sein Körper durch die Bürde, die er trug, unterjocht worden, so wurde es jetzt noch weit mehr sein Geist, der unter der Last erlag, mit welcher die Worte'dummer Knabe!' von dem Inspektor auf ihn fielen.
Allein, diesmal galt bei ihm, was vom Temistokles erzählt wird, da dieser auch einmal in seiner Jugend einen öffentlichen Schimpf erlitt: non fregit eum, sed erexit. – Er strengte sich seit dem Tage, an welchem er diese Demütigung erlitt, noch zehnmal mehr als vorher an, sich bei seinen Lehrern in achtung zu setzen, um den Inspektor, der ihn so verkannt hatte, gleichsam einst zu beschämen und ihm über das Unrecht, das er von ihm erlitten hatte, Reue zu erwecken.
Der Inspektor trug alle Morgen in den Frühstunden den Lehrbegriff der luterischen Kirche ganz dogmatisch mit allen Widerlegungen der Papisten sowohl als der Reformierten vor und legte Gesenii Auslegung von Luters kleinem Katechismus dabei zum grund. – Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem unnützem Zeuge angefüllt, aber er lernte doch Hauptabteilungen und Unterabteilungen machen, er lernte systematisch zu Werke gehen.
Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer stärker an, und in weniger als einem Jahre besass er eine vollständige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der Bibel und einer vollständigen Polemik gegen Heiden, Türken, Juden, Griechen, Papisten und Reformierten verknüpft – er wusste von der Transsubstantiation im Abendmahl, von den fünf Stufen der Erhöhung und Erniedrigung Christi, von den Hauptlehren des Alkorans und den vorzüglichsten Beweisen der Existenz Gottes gegen die Freigeister wie ein Buch zu reden.
Und er redete nun auch wirklich wie ein Buch von allen diesen Sachen. Er hatte nun reichen Stoff zu predigen, und seine Brüder bekamen alle die nachgeschriebenen Hefte von der halsbrechenden Kanzel in der stube wieder von ihm zu hören.
Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen, bei welchem eine Versammlung von Handwerksburschen war, hier musste er sich vor den Tisch stellen und in dieser Versammlung eine förmliche Predigt mit Text, Tema und Einteilung halten, wo er denn gemeiniglich die Lehre der Papisten von der Transsubstantiation oder die Gottesleugner widerlegte, mit vielem Patos die Beweise für das Dasein Gottes nacheinander aufzählte und die Lehre vom ungefähr in ihrer ganzen Blösse darstellte.
Nun war die Einrichtung in dem Institut, wo Anton unterrichtet wurde, dass die erwachsenen Leute, welche zu Schulmeistern gebildet wurden, sich des Sonntags in alle Kirchen verteilen und die Predigten nachschreiben mussten, die sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten. – Anton fand also jetzt noch einmal so viel Vergnügen am Predigtnachschreiben, da er sah, dass er auf die Art mit seinen Lehrern einerlei Beschäftigung trieb, und diese, denen er nun die Predigten zeigte, bewiesen ihm immer mehr achtung und begegneten ihm beinahe wie ihresgleichen.
Er bekam am Ende einen dicken Band nachgeschriebener Predigten zusammen, die er nun als einen grossen Schatz betrachtete, und worunter ihm insbesondre zwei wahre Kleinodien zu sein schienen: die eine war von dem Pastor Uhle, der mit dem Pastor Paulmann wegen der Geschwindigkeit im Sprechen die meiste Ähnlichkeit hatte, in der Ägidienkirche gehalten und handelte vom jüngsten Gericht. – Mit wahrem Entzücken harangierte Anton diese Predigt oft seiner Mutter wieder vor, worin die Zerstörung der Elemente, das Krachen des Weltbaues, das Zittern und Zagen des Sünders, das fröhliche Erwachen der Frommen in einem Kontrast dargestellt wurde, der die Phantasie bis auf den höchsten Grad erhitzte – und dies war eben Antons Sache. Er liebte die kalten Vernunftpredigten nicht. Die zweite Predigt, welche er unter allen vorzüglich schätzte, war eine Abschiedspredigt des Pastors Lesemann, die er in der Kreuzkirche hielt, und worin derselbe fast vom Anfange bis zu Ende durch Tränen und Schluchzen unterbrochen wurde, so beliebt war er bei seiner Gemeine. Das rührende Patos, womit diese Rede wirklich gehalten wurde, machte auf Antons Herz einen unauslöschlichen Eindruck, und er wünschte sich keine grössre Glückseligkeit, als einmal auch vor einer solchen Menge von Menschen, die alle mit ihm weinten, eine solche Abschiedsrede halten zu können.
Bei so etwas war er in seinem Elemente und fand ein unaussprechliches Vergnügen an der wehmütigen Empfindung, worin er dadurch versetzt wurde. Niemand hat wohl mehr die Wonne der Tränen (te joy of grief) empfunden als er bei solchen Gelegenheiten. Eine solche Erschütterung der Seele durch eine solche Predigt war ihm mehr wert als aller andre Lebensgenuss, er hätte Schlaf und Nahrung darum gegeben.
Auch das Gefühl für die Freundschaft erhielt jetzt bei ihm neue Nahrung. Er liebte einige von seinen Lehrern im eigentlichen verstand und empfand eine sehnsucht nach ihrem Umgange – insbesondre äusserte sich seine Freundschaft gegen einen derselben namens R ..., der dem äussern Anschein nach ein sehr harter und rauher Mann war, in der Tat aber das edelste Herz besass, was nur bei einem künftigen Dorfschulmeister gefunden werden kann.
Bei diesem hatte Anton doch eine Privatstunde im Rechnen und Schreiben, welche sein Vater für ihn bezahlte – denn Rechnen und Schreiben war noch das einzige, welches dieser für Anton zu lernen der Mühe wert hielt. – R ... liess ihn denn bald, weil er schon ortographisch schrieb, eigne Ausarbeitungen machen, die seinen Beifall erhielten, welcher für Anton so schmeichelhaft war, dass er sich endlich erkühnte, diesem Lehrer sein Herz zu entdecken und so offenherzig und freimütig mit ihm zu sprechen, wie er lange mit niemandem hatte sprechen dürfen.
Er entdeckte ihm also seine unüberwindliche Neigung zum Studieren und die Härte