Reisen an – er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Wäldern, erstieg hohe Klippen und kam auf unbewohnte Inseln – kurz, er realisierte sich mit ihnen seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte. –
Zu haus stellte er allerlei Spiele mit ihnen an, wobei es oft scharf zuging – er belagerte Städte, eroberte Festungen, von den Büchern der Madam Guion zusammengebaut, mit wilden Kastanien, die er wie Bomben darauf abschoss. – Zuweilen predigte er auch, und seine Brüder mussten ihm zuhören. – Das erstemal hatte er sich denn eine Kanzel von Stühlen zusammengebaut, und seine Brüder sassen vor ihm auf Fussschemeln; er geriet in heftigen Affekt – die Kanzel stürzte ein, er fiel herunter und zerschlug mit dem stuhl, worauf er stand, seinen Brüdern die Köpfe. – Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein – indem trat sein Vater herein und fing an, ihn für die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu belohnen. – Antons Mutter kam dazu und wollte ihn den Händen seines Vaters entreissen; da sie das nicht konnte, so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte Richtung, und sie fing nun auch aus allen Kräften an, auf Anton zuzuschlagen, dem alle sein Flehen und Bitten nichts half – Nie ist wohl eine Predigt unglücklicher abgelaufen als diese erste Predigt, welche Anton in seinem Leben hielt. – Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt.
Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt, noch öfter wieder seine Kanzel zu besteigen und ganze geschriebne Predigten mit Evangelium, Tema und Einteilung abzulesen. – Denn seitdem er angefangen hatte, zum erstenmal die Predigt des Pastors Paulmann nachzuschreiben, war es ihm auch leichter, seine Gedanken zu ordnen und sie in eine Art von Verbindung miteinander zu bringen.
Kein Sonntag ging hin, wo er jetzt nicht eine Predigt nachschrieb, und er bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit, dass er das Fehlende dazwischen durch sein Gedächtnis ergänzen und eine Predigt, die er gehört und die Hauptsachen nachgeschrieben hatte, zu haus beinahe vollständig wieder zu Papier bringen konnte.
Anton war nun über vierzehn Jahre alt, und es war nötig, dass er, um konfirmiert oder in den Schoss der christlichen Kirche aufgenommen zu werden, einige Zeit vorher in irgendeine Schule gehen musste, wo Religionsunterricht erteilt wurde.
Nun war in Hannover ein Institut, in welchem junge Leute zu künftigen Dorfschulmeistern gebildet wurden, und womit zu gleich eine Freischule verknüpft war, welche den angehenden Lehrern zur Übung im Unterricht diente. Diese Schule war also eigentlich mehr der Lehrer wegen, als dass die Lehrer gerade dieser Schule wegen dagewesen wären, – – weil aber die Schüler nichts bezahlen durften, so war diese Anstalt eine Zuflucht für die Armen, welche dort ihre Kinder ganz unentgeltlich konnten unterrichten lassen; und weil Antons Vater eben nicht gesonnen war, viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen und aus der göttlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden, so brachte er ihn denn endlich in diese Schule, wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich eröffnet sah.
Es war für Anton ein feierlicher Anblick, da er gleich in der ersten Stunde des Morgens alle die künftigen Lehrer mit den Schülern und Schülerinnen in einer Klasse versammlet sah. – Der Inspektor dieser Anstalt, der ein Geistlicher war, hielt alle Morgen mit den Schülern eine Katechisation, welche den Lehrern zum Muster dienen sollte. – Diese sassen alle an Tischen, um die fragen und Antworten nachzuschreiben, während dass der Inspektor auf und nieder ging und fragte. In einer Nachmittagsstunde musste denn irgendeiner von den Lehrern in Gegenwart des Inspektors die Katechisation mit den Schülern wiederholen, welche derselbe am Morgen gehalten hatte.
Nun war das Nachschreiben für Anton schon eine sehr leichte Sache geworden, und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte, so hatte sie Anton weit besser als der Lehrer stehend in seiner Schreibtafel nachgeschrieben und konnte also freilich mehr antworten, als jener fragte, welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien, die äusserst schmeichelhaft für ihn war.
Allein damit er sich nun nicht seines Glücks überheben sollte, stand ihm am andern Tage eine Demütigung bevor, die beinahe jene in Braunschweig noch übertraf, da er zum ersten Mal mit dem Tragkorbe auf dem rücken gehen musste.
Es wurde nämlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine Buchstabierübung angestellt, wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein buchstabieren und vorschreien und dann die andern alle, wie aus einem mund, nachschreien mussten. – Dies Geschrei, wovon einem die Ohren gellten, und diese ganze Übung kam Anton wie toll und rasend vor, und er schämte sich nicht wenig, da er sich schmeichelte, schon mit Ausdruck lesen zu können, dass er hier erst wieder anfangen sollte, buchstabieren zu lernen, – aber die Reihe, vorzuschreien, kam bald an ihn, denn dies ging wie ein Lauffeuer herum; und nun sass er und stockte, und die ganze schöne Musik geriet auf einmal aus dem Takt. – "Nun fort!" sagte der Inspektor, und als es nicht ging, sah er ihn mit einem blick der äussersten Verachtung an und sagte: "Dummer Knabe!" und liess den folgenden weiter buchstabieren. – Anton glaubte in dem Augenblick vernichtet zu sein, da er sich plötzlich in der Meinung eines Menschen, auf dessen Beifall er schon so viel gerechnet hatte, so tief herabgesunken sah, dass dieser ihm nicht einmal mehr zutrauete, dass er buchstabieren könne.