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sei er während der Zeit alt geworden, und als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zurück erinnernihm begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschüler und Spielkameraden, die ihm alle die hände drückten und sich über seine Wiederkunft freueten.

Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders tun, als ihr von dem Pastor Paulmann erzählen? – Sie hatte ohnedem eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefühlen für den Pastor Paulmann sympatisieren. – O welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschütten und stundenlang von dem mann sprechen konnte, gegen den er unter allen Menschen auf Erden die meiste Liebe und achtung hatte.

Er hörte nun die hannoverschen Prediger, aber welch ein Abstand! Unter allen fand er keinen Paulmann, einen ausgenommen namens N ..., der, wenn er im heftigen Affekt sprach, einige Ähnlichkeit mit ihm hatte. –

Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden, wenn er nicht wenigstens so geschwind wie der Pastor Paulmann sprach, – und ich weiss nicht, wenn der Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? – Der Lehrer muss langsam, der Redner muss geschwind sprechen. – Der Lehrer soll allmählich den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das Herz eindringenmit dem verstand muss man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen willfreilich wird der immer ein schlechter Lehrer sein, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wirdaber wenn Fox im englischen Parlamente spricht, so geschieht es mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen nicht hat, und in diesem brausenden Strome reisst er alles mit sich fort und erschüttert die Seelen seiner Zuhörer, wie es der Pastor Paulmann durch seine Meineidspredigt tat.

Einen Prediger namens Marquard an der Garnisonkirche in Hannover hörte Anton eines Sonntags mit dem grössten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem Pastor Paulmann hatte, sondern in Ansehung seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm war. Anton konnte sich nicht entalten, da er zu haus kam, gegen seine Mutter eine Art von Hass zu äussern, den er auf diesen Prediger geworfen hatteaber wie erstaunte er, als diese ihm sagte, dass er bei eben diesen Prediger würde zum Religionsunterricht und beichte und Abendmahl gehen müssen, weil er ihr Beichtvater wäre, und sie zu seiner Gemeine gehörte.

Wem hätte es Anton geglaubt, dass er diesen Mann, gegen den er damals eine unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal würde lieben können, dass dieser einmal sein Freund, sein Wohltäter werden würde?

Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde tödlich krank und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr. – Was Anton dabei empfand, lässt sich nicht beschreiben. – Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben würde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. – Ganze Nächte durch weinte er oft, wenn er gehört hatte, dass der Arzt die Hoffnung zur Genesung aufgab. – Es war ihm, als sei es schlechterdings nicht möglich, dass er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. – Was war natürlicher, da er von aller Welt verlassen war und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand.

Der Pastor Marquard kam und reichte Antons Mutter das Abendmahlnun glaubte er, sei keine Hoffnung mehr, und war untröstlicher flehte zu Gott um das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der König Hiskias ein, der ein Zeichen von Gott erhielt, dass seine Bitte erhört und ihm sein Leben gefristet sei.

Nach einem solchen Zeichen sah sich jetzt auch Anton um, ob nicht etwa der Schatten an der Mauer im Garten zurückgehen wollte? Und der Schatten schien ihm endlich zurückzugehendenn eine dünne Wolke hatte sich vor der Sonne hingezogenoder seine Phantasie hatte diesen Schatten zurückgedrängtaber von dem Augenblick an fasste er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich wieder an zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder aufund tat alles, um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus Braunschweig wieder abgeholt, einen bittern, unversöhnlichen Hass auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder gelegenheit empfinden liessjede Mahlzeit wurde ihm zugezählt, und Anton musste oft im eigentlichen verstand sein Brot mit Tränen essen.

Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergänge mit seinen beiden kleinern Brüdern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den Wällen der Stadt anstellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er mit ihnen gleichsam eine Reise tat. –

Dies war seine liebste Beschäftigung von seiner frühesten Kindheit an, und als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer Ecke der Strasse, wo seine Eltern wohnten, welches die Grenze seiner kleinen Wanderungen war.

Er schuf sich nun den Wall, welchen er hinaufstieg, in einen Berg, das Gesträuch, durch welches er sich durcharbeitete, in einen Wald, und einen kleinen Erdhügel im Stadtgraben in eine Insel um; und so stellte er mit seinen Brüdern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten oft viele meilenweite