unaussprechlichem Vergnügen das Zifferblatt am Turme betastete und dann inwendig nicht nur die grosse Glocke, sondern noch unzählige andre kleinere nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sah, bis er etwa mit dem kopf an den unübersehbaren Rand der grossen Glokke stiess und erwachte.
So oft nun der Pastor Paulmann von den 'Höhen der Vernunft' sprach, so dachte Anton mit Entzücken an die Höhen seines geliebten Turms, an die Glocke darin und an das Zifferblatt – und dann auch an das hohe Chor, worauf die Orgel in der Brüdernkirche stand – dann erwachte auf einmal alle seine sehnsucht wieder, und der Ausdruck 'die Höhen der Vernunft' presste ihm Tränen der Wehmut aus den Augen.
Der eigentliche abhandelnde teil von den Predigten des Pastor Paulmann, wo derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach, war für Anton freilich verloren, weil er ihm mit seinen Gedanken unmöglich folgen konnte. In der Hoffnung aber auf den ermahnenden teil hörte er ihn dennoch mit Vergnügen an – es war ihm dann, als wenn sich nun erst die Wolken zusammenzögen, die bald in ein wohltätiges Gewitter oder einen sanften Regen ausbrechen würden.
Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche, die Predigt des Pastor Paulmann zu haus aufzuschreiben, und auf einmal war es, als ob es, indem er zuhörte, in seiner Seele licht wurde, seine Aufmerksamkeit hatte eine neue Richtung erhalten – vorher hatte er mit dem Herzen zugehört, jetzt hörte er zum ersten Male mit dem verstand zu – er wollte nicht nur durch einzelne Stellen erschüttert werden, sondern das Ganze der Predigt fassen, und nun fing er an, den abhandelnden teil ebenso interessant als den ermahnenden teil zu finden. – Die Predigt handelte von der Nächstenliebe, wie glücklich die Menschen sein würden, wenn jeder das Wohl aller übrigen und alle übrige das Wohl jedes einzelnen zu befördern suchten. – Nie ist ihm diese Predigt mit allen ihren Abteilungen und Unterabteilungen aus dem Gedächtnis gekommen, die er mit dem Vorsatz hörte, um sie aufzuschreiben, welches er tat, sobald er zu haus kam und den August, dem er es nun vorlas, sehr dadurch in Verwunderung setzte.
Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue entwicklung seiner Verstandeskräfte bewirkt. – Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich allmählich untereinander zu ordnen – er lernte selbst für sich über einen Gegenstand nachdenken – er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder ausser sich darzustellen, und weil er sie niemanden sagen konnte, so machte er schriftliche Aufsätze, die denn freilich oft sonderbar genug waren. – Denn hatte er vorher mit Gott mündlich gesprochen, so fing er nun an, mit ihm zu korrespondieren, und schrieb lange Gebete an ihn, worin er ihm seinen Zustand schilderte.
Er fühlte sich jetzt um so mehr zu schriftlichen Aufsätzen gedrungen, weil es ihm gänzlich an aller Lektüre fehlte – denn Lobenstein hatte ihm schon lange kein Buch mehr in die hände gegeben, ausgenommen Engelbrechts, eines Tuchmachergesellen zu Winsen an der Aller Beschreibung von dem Himmel und der Hölle, welches er ihm geschenkt hatte. –
Einen ärgern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben, als dieser Engelbrecht gewesen sein muss, von dem man geglaubt hatte, dass er wirklich tot wäre, und der nun, nachdem er sich wieder erholt hatte, seiner alten Grossmutter weismachte, er sei wirklich im Himmel und in der Hölle gewesen; diese hatte es dann weiter erzählt, und so war dies köstliche Buch entstanden.
Der Kerl entblödete sich nicht zu behaupten, er sei mit Christo und den Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt und habe da die Sonne in die eine und den Mond in die andre Hand genommen und am Himmel die Sterne gezählt.
Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv – so verglich er z.B. den Himmel mit einer köstlichen Weinsuppe, wovon man auf Erden nur wenige Tropfen gekostet hat und die man alsdenn mit Löffeln essen könne – und die himmlische Musik war ebenso weit über die irdische Musik erhaben als ein schönes Konzert über das Geleier eines Dudelsacks oder über das Tüten eines Nachtwächterhorns.
Und was ihm für Ehre im Himmel widerfahren war, davon konnte er nicht genug rühmen.
In Ermangelung besserer Nahrung musste sich nun Antons Seele mit dieser losen Speise begnügen, und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch beschäftigt, – sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei – er glaubte es weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloss lebhaft vor.
Indes ging jetzt Lobensteins Unwillen und Hass gegen ihn häufig bis zu Scheltworten und Schlägen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste Weise; er liess ihn die niedrigensten und demütigendsten arbeiten tun. – Nichts aber war für Anton kränkender, als wie er zum ersten Male in seinem Leben eine Last auf dem rücken, und zwar einen Tragkorb mit Hüten bepackt, über die öffentliche Strasse tragen musste, indem Lobenstein vor ihm herging – es war ihm, als ob alle Menschen auf der Strasse ihn ansähen.
Jede Last, die er vor sich oder unter dem arme oder an den Händen tragen konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein, als dass er glaubte, sie mache ihm Schande. – Nur dass er jetzt gebückt gehen, seinen Nacken unter das Joch beugen musste wie ein Lasttier, indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte zugleich seinen ganzen Mut darnieder und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er glaubte sowohl vor Müdigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu müssen, ehe er