in Braunschweig sehr lieb geworden, so dass sich in seine angenehmen Hoffnungen oft eine Wehmut mischte, die ihn in eine sanfte Melancholie versetzte. – Oft stand er einsam an der Oker und sah irgendeinem vorbeifahrenden kleinen Kahne nach, soweit er ihn mit den Augen verfolgen konnte – dann war es ihm oft plötzlich, als habe er einen blick in die dunkle Zukunft getan, aber wenn er eben das angenehme Blendwerk festzuhalten glaubte, so war es auf einmal verschwunden.
Er suchte sich nun an allen Gegenden der Stadt, die er bisher auf seinen Spaziergängen des Sonntags besucht hatte, gleichsam noch einmal zu letzen und nahm von einer nach der andern wehmütig Abschied, so wie er sie nie wieder zu sehen hoffte.
Er hörte von dem Pastor Paulmann noch verschiedne Predigten, worin manche einzelne Stellen nie aus seinem Gedächtnis gekommen sind. –
Ganz ausserordentlich rührte ihn in einer Predigt vom Leiden Jesu der immersteigende Affekt, womit der Pastor Paulmann die Worte sagte: mitleidsvoll sieht er auf seine Mörder herab, und betet, und betet, und betet – Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Und in einer Predigt über die beichte, welche über das Evangelium vom Aussätzigen gehalten wurde, der sich dem Priester zeigen sollte, die Anrede an die Heuchler, die alle äussere Gebräuche der Religion gewissenhaft beobachten und doch ein feindseliges Herz im Busen tragen, und wo sich jeder Periode anfing mit: ihr kommt in den Beichtstuhl, ihr zeiget euch dem Priester, aber er kann in euer Herz nicht schauen usw. – Dann wurde in dieser Predigt auch oft ein Ausdruck wiederholt, der für Anton ausserordentlich rührend war, dieser klang ihm als: "ihr kommt in den Heben". – Das letzte Wort nämlich, was immer verschlungen wurde, so dass er es nicht recht verstehen konnte, klang ihm wie Heben, und dies Wort oder dieser laut rührte ihn bis zu Tränen, so oft er wieder daran dachte.
Ebenso reizend klang ihm der Ausdruck, der sehr oft in den Predigten des Pastor Paulmann vorkam. 'Die Höhen der Vernunft' – dies hatte aber seine besonderen Ursachen, deren entwicklung nicht unnütz sein wird. Das Chor in der Kirche, wo die Orgel war und die Schüler sangen, schien ihm immer etwas für ihn Unerreichbares zu sein; sehnsuchtsvoll blickte er oft dahin auf und wünschte sich keine grössere Glückseligkeit, als nur einmal den wunderbaren Bau der Orgel und was sonst da war, in der Nähe betrachten zu können, da er dies alles jetzt nur in der Ferne anstaunen durfte. – Diese Phantasie war mit einer andern verwandt, die er noch aus Hannover mitgebracht hatte – schon dort war ein gewisser Turm für ihn immer ein äusserst reizender Gegenstand gewesen; er betrachtete ihn mit Entzücken und beneidete oft die Stadtmusikanten, die oben auf der Galerie standen, um des Morgens und Abends hinunter zu blasen.
Stundenlang konnte er diese Galerie betrachten, die ihm von unten so klein schien, dass sie ihm nicht bis an die Knie reichen würde, und über welche doch kaum die Köpfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten; und vollends das Zifferblatt, welches nach der Versicherung verschiedner Leute, die oben gewesen waren, so gross sein sollte wie ein Wagenrad, und ihm doch unten nicht grösser als irgendein Rad in einem Schiebkarren vorkam. – Dies alles erregte seine Neugierde im höchsten Grade, so dass er oft ganze Tage lang mit nichts als dem Gedanken und dem Wunsch umging, diese Galerie und dies Zifferblatt einmal in der Nähe betrachten zu können.
Nun konnte man auf dem Turme in Hannover durch die Schallöcher, welche über der Galerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die grosse metallne Maschine, die den alles erschütternden Klang verursachte, unter den Füssen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Höhe standen und auf die Balken traten, wechselsweise in die Höhe steigen sah.
Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Turms geblickt, und als habe sich ihm das geheimnisvolle Triebwerk des wunderbaren Schalles, den er so oft mit Rührung vernommen hatte, nun in der Ferne entüllt. – Allein seine Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden – er hatte nur die eine Hälfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Wölbung emporhub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen – von der Grösse dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrösserte das Bild in seiner Seele noch zu unzähligen Malen, so dass er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte.
Bei seinen Schmerzen nun, die er am fuss erduldete; bei aller Bedrückung von seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste Traum seiner Kindheit? was sein sehnlichster Wunsch, über den er oft alles vergass? – – Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie am neustädtischen Turme in Hannover und der Glocken, die darin hingen.
Länger als ein Jahr hindurch versüsste ihm dies Spiel seiner Phantasie die trübsten Stunden seines Lebens – aber ach, er musste Hannover verlassen, ohne seines sehnlichsten Wunsches gewährt zu werden. – Doch das Bild vom neustädtischen Turme wich nie aus seinen Gedanken, es verfolgte ihn nach Braunschweig und schwebte ihm dort oft in nächtlichen Träumen auf hohen Treppen in tausend labyrintischen Krümmungen vor, wo er den Turm hinaufstieg, auf der Galerie stand, und mit