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erst einmal den hellen Schein des Fensters gefasst hat, so ordnet sich nach und nach alles übrige von selber.

Daher war es sehr natürlich, dass Anton, nachdem er schon einige Wochen in Braunschweig im Lobensteinschen haus war, des Morgens noch immer glaubte, er träume, wenn er schon wirklich wachte, weil der Stift, woran er sonst immer des Morgens beim Erwachen die Ideen vom vorigen Tage sowohl als von seinem vorigen Leben anknüpfte, und wodurch sie erst Zusammenhang und Wahrheit erhielten, nun gleichsam verrückt war; weil die idee des Orts nicht mehr dieselbe war.

Ist es also wohl zu verwundern, wenn die Veränderung des Orts oft so vieles beiträgt, uns dasjenige, was wir uns nicht gern als wirklich denken, wie einen Traum vergessen zu machen?

In spätern Jahren und insbesondre, wenn man viel gereist ist, verliert sich dies Anschliessen der Ideen an den Ort in etwas. Wo man hinkömmt, sieht man entweder Dächer, Fenster, Türen, Steinpflaster, Kirchen und Türme, oder man sieht Wiese, Wald, Acker oder Heide. – Die auffallenden Unterschiede verschwinden; die Erde wird sich überall gleich. –

Wenn Anton in Braunschweig auf der Strasse ging, so war es ihm besonders des Abends im Anfange der Dämmerung manchmal plötzlich wie im Traume. – Auch pflegte sich dies bei ihm zu ereignen, wenn er in irgendeine Strasse ging, die ihm eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Strasse in Hannover zu haben schien. – Dann deuchte ihm einige Augenblicke sein Zustand in Hannover wieder gegenwärtig; die Szenen seines Lebens verwirreten sich untereinander.

Bei seinen Spaziergängen fand er nun immer einen besonderen Reiz darin, Gegenden in der Stadt aufzusuchen, wo er noch gar nicht gewesen war. Seine Seele erweiterte sich dann immer, es war ihm, als ob er aus dem engen Kreise seines Daseins einen Sprung gewagt hätte; die alltäglichen Ideen verloren sich, und grosse angenehme Aussichten, Labyrinte der Zukunft eröffneten sich vor ihm.

Allein es war ihm noch nie gelungen, sein ganzes Leben in Braunschweig mit allen seinen mannigfaltigen Veränderungen in einen einzigen vollen blick zusammenzufassen. Der Ort, wo er sich jedesmal befand, erinnerte ihn immer zu stark an irgendeinen einzelnen teil desselben, als dass noch für das Ganze in seiner Denkkraft Platz gewesen wäre; er drehete sich mit seinen Vorstellungen immer in einem engen Zirkel seines Daseins herum.

Um von dem Ganzen seines hiesigen Lebens ein anschauliches Bild zu haben, war es nötig, dass gleichsam alle die Fäden abgeschnitten wurden, die seine Aufmerksamkeit immer an das Momentane, Alltägliche und Zerstückte desselben hefteten; und dass er zugleich in den Standpunkt wieder versetzt wurde, aus welchem er sein Leben in Braunschweig betrachtete, ehe er es anfing, da es noch wie eine dämmernde Zukunft vor ihm lag.

In diesen Standpunkt wurde er nun gerade versetzt, da er zufälligerweise aus dem Tore ging, durch welches er vor ungefähr andertalb Jahren auf der breiten, mit Weiden bepflanzten Heerstrasse hereingekommen war und die Schildwache auf dem hohen Walle hatte hin und her gehen sehen.

Dieser Ort musste es gerade sein, der ihn durch die plötzliche Erinnerung an tausend Kleinigkeiten gerade in den Zustand wieder zu versetzen schien, worin er sich unmittelbar vor dem Anfange seines hiesigen Lebens befand. – Alles, was dazwischen lag, musste sich nun in seiner Einbildungskraft zusammendrängen, wie Schatten ineinandergehen, einem Traum ähnlich werden. Denn sein jetziges Dastehen auf der brücke und den Hohen-Wall-hinaufsehen, wo die Schildwache stand, schloss sich dicht an sein Dastehen und den Hohen-Wall-hinaufsehen vor andertalb Jahren an. Die Vergangenheit, alle die Szenen des Lebens, das Anton in Braunschweig geführt hatte, stellte er sich jetzt wieder vor, wie er sie sich damals vor andertalb Jahren noch als zukünftig gedacht hatte, und die zu lebhafte Vorstellung und Wiedererinnerung des Orts machte, dass die Erinnerung an den Zwischenraum der Zeit, welche unterdes verflossen war, verlosch oder schwächer wurdeanders wenigstens lässt sich wohl schwerlich das Phänomen jener sonderbaren Empfindung erklären, die Anton damals hatte, und die ein jeder wenigstens einige Male in seinem Leben gehabt zu haben sich erinnern wird.

Mehr als zehnmal stand Anton auf dem Punkte, nicht wieder in die Stadt zurückzukehren, sondern gerade den Weg vor sich hin wieder nach Hannover zu gehen, wenn ihn nicht der Gedanke an Hunger und Kälte wieder zurückgeschreckt hätte.

Aber von dem Tage an blieb der Vorsatz fest bei ihm, im Lobensteinschen haus nicht länger mehr zu bleiben, es koste auch, was es wolle. Er wurde daher auch gegen alles gleichgültiger, weil er sich vorstellte, dass es nun nicht lange mehr so dauren würde. Lobenstein selbst fing nun an, seiner so überdrüssig zu werden, dass er endlich nach Hannover an Antons Vater schrieb, dieser möchte seinen Sohn, mit dem nichts anzufangen wäre, nur immer wieder abholen.

Nichts hätte für Anton erwünschter sein können als die Nachricht, dass sein Vater ihn nun mit nächsten wieder zu haus holen würde. – In eine Schule, schloss er, müsse er doch in Hannover auf alle Fälle geschickt werden, ehe er zum Abendmahl zugelassen würde, und dann wollte er sich schon so auszeichnen, dass man aufmerksam auf ihn werden solle. So sehr er vorher nach Braunschweig zu kommen gestrebt hatte, so sehr verlangte ihn jetzt nach Hannover wieder zurück, und er wiegte sich nun aufs neue in angenehmen Träumen von der Zukunft ein.

ungeachtet seiner harten Lage aber waren ihm dennoch viele Dinge