Phantasien hin, die ihn das Wollekratzen in der kalten stube, das Hütewaschen im Eise und den Mangel des Schlafs, wenn er oft mehrere Nächte hindurch wachen musste, fast ganz vergessen liessen. – Die Stunden entflohen ihm zuweilen während der Arbeit wie Minuten,wenn es ihm gelang,sich in den Charakter eines öffentlichen Redners hinein zu phantasieren.
Allein, sei es nun, dass diese unnatürliche Überspannung seiner Seelenkräfte oder die für seine Jahre zu grosse Anstrengung seines Körpers zur Arbeit ihn zuletzt niederwerfen musste – er ward gefährlich krank. Seine Pflege war nicht die beste. Er phantasierte im Fieber und lag oft ganze Tage lang allein, ohne dass sich jemand um ihn bekümmerte.
Endlich arbeitete doch seine gute natur sich durch: er ward wiederhergestellt. – Eine gewisse Trägheit und Niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser Krankheit zurück – und der menschenfreundliche Herr Lobenstein hätte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein tödliches Rezidiv verursacht.
Es war eines Abends in der Dämmerung, da Lobenstein in einem dunklen abgelegenen Gemache sich eines warmen Kräuterbades bediente, wobei ihm Anton zur Hand sein musste. Da er nun in diesem Bade schwitzte und grosse Angst ausstund, so sagte er zu Anton mit einer stimme, die ihm durch Mark und Beine drang: Anton! Anton! hüte dich vor der Hölle! – und dabei sah er starr in eine Ecke hin. –
Anton zitterte bei diesen Worten, ein plötzlicher Schauder lief ihm durch den ganzen Körper. Alle Schrecken des Todes überfielen ihn – denn er zweifelte nicht im geringsten, dass Lobenstein in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei; und das habe ihn zu dem fürchterlichen Ausruf: Hüte, ach! hüte dich vor der Hölle! bewogen.
Lobenstein stieg nach diesem Ausruf plötzlich aus dem Bade, und Anton musste ihn zu seiner kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und Lobenstein schien ihm blasser als der Tod auszusehen, da er von ihm wegging.
Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden, so geschahe es jetzt von Anton, sobald er allein war; er warf sich in einem Verschlag bei der Werkstätte nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder und flehte zu Gott und bat ihn, wie ein Missetäter, über den schon der Stab gebrochen ist, um sein Leben – nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja sterben solle – denn ihm fiel ein, dass er mehr als zwanzigmal auf der Strasse gelaufen, gesprungen und mutwillig gelacht hatte – und nun lagen alle die Qualen der Hölle auf ihm, welche er dafür ewig würde erdulden müssen. – Hüte, ach hüte dich vor der Hölle! gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem grab ihm diese Worte zugerufen hätte – und er fuhr fort eine volle Stunde nacheinander zu beten und würde die ganze Nacht nicht aufgehört haben, wenn er keine Linderung seiner Angst verspürt hätte; – aber so wie seine Brust einen ängstlichen Seufzer nach dem andern ausstiess und endlich seine Tränen flossen, schien es ihm, als sei ihm von Gott Erhörung seiner Bitte gewährt – der nun lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zuschanden werden lassen, als dass er eine Seele verderben liesse. – Anton hatte sein Fieber weggebetet, worin er wahrscheinlich wieder zurückgefallen sein würde, wenn seine empörten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hätten. – So heilt oft eine Schwärmerei, eine Tollheit die andere – die Teufel werden ausgetrieben durch Beelzebub.
Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt und stand am andern Morgen wieder gesund auf – aber der Gedanke an den Tod erwachte wieder mit ihm – höchstens glaubte er, sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung gegeben, und nun müsse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle.
Das tat er denn auch, so sehr er konnte; er betete des Tages unzähligemal in einem Winkel auf seinen Knien und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste Überzeugung von der göttlichen Gnade und eine solche Heiterkeit der Seele, dass er sich oft schon im Himmel glaubte und sich nun manchmal den Tod wünschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte.
Aber es konnte nicht fehlen, dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie die natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zurückkehrte – und dann die natürliche Liebe zum Leben um des Lebens willen in Antons Seele wieder erwachte. – Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke als solche, wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei, und geriet darüber in neue Angst, weil es ihm nicht möglich war, die stimme der natur in sich zu unterdrücken.
Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner frühesten Kindheit an eingeflösset war – seine Leiden konnte man im eigentlichen verstand die Leiden der Einbildungskraft nennen – sie waren für ihn doch würkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend. –
Von seiner Mutter wusste er, es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes, wenn einem beim Waschen die hände nicht mehr rauchen – nun sah er sich sterben, so oft er sich die hände wusch. –
Er hatte gehört, wenn ein Hund im haus mit der Schnauze zur Erde gekehrt heule, so wittre er den Tod eines Menschen; – nun prophezeite ihm jedes Hundegeheul seinen Tod. – Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krähete