über, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschäftigte; dabei schwebte ihm immer der Pastor Paulmann im Sinne mit seiner sanften, schwellenden stimme und seinem gegen Himmel gehobnen Auge, das von mehr als irdischer Andacht erleuchtet schien. Zuweilen drängte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild des schwarz gekleideten jungen Frauenzimmers mit der blassen Farbe und andachtsvollen Miene wieder vor.
Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert, dass er sich jetzt für den glücklichsten Menschen unter der Sonne würde gehalten haben, wenn er den künftigen Sonntag hätte zum Abendmahl gehen dürfen. Er versprach sich eine so überirdische himmlische Tröstung beim Genuss des Abendmahls, dass er schon im voraus Freudentränen darüber vergoss; wobei er zugleich ein gewisses sanftes beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand, das ihm nun alles Bittre und Unangenehme seiner Lage versüsste, wenn er bedachte, dass ihn doch als Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes würde berauben können. Alle vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor, zum Abendmahl zu gehen, wenn er erst so weit wäre – und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die Hoffnung mit ein, dass durch dies öftere Zumabendmahlgehen der Pastor Paulmann ihn vielleicht am Ende bemerken würde: und dieser Gedanke war es wohl vorzüglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Süssigkeit in diese Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen, wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hätte.
Das war ihm unmöglich zu glauben, dass er immer so, wie jetzt, würde verkannt und vernachlässiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, musste es sich etwa einmal fügen, dass ein edler Mann, der auf der Strasse ihm begegnete, etwas Auffallendes an ihm bemerkte und sich dann seiner annehme. – Eine gewisse schwermütige melancholische Miene, die er zu dem Ende annahm, glaubte er, würde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen. – Darum affektierte er sie nun oft noch in höherm Grade, als sie ihm natürlich war. – Ja, oft war er schon beinahe im Begriff, wenn ihm die Physiognomie irgendeines vornehmen Mannes Zutrauen einflösste, ihn geradezu anzureden und ihm seine Umstände zu entdecken. – Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zurück, dass ihn dieser vornehme Mann vielleicht für närrisch halten möchte.
Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Strasse ging, mit einer gewissen klagenden stimme einige von den Liedern der Madam Guion, die er auswendig gelernt hatte, und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte; und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen durch ein solches klagendes Lied, das einer singt, Wunderdinge gewürkt werden, würde es auch ihm vielleicht gelingen, dadurch, dass er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf sich zöge, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben.
Für den Pastor Paulmann ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als dass er es je hätte wagen sollen, ihn anzureden. – Wenn er nahe bei ihm stand, so überfiel ihn ein Schauder, als ob er sich in der Nähe eines Engels befände. – Er konnte es sich entweder gar nicht denken oder suchte den Gedanken mit Fleiss zu vermeiden, dass dieser Pastor Paulmann wie andre Menschen aufstände und zu Bette ginge und alle natürliche Handlungen wie sie verrichtete. Sich ihn im Schlafrock und der Nachtmütze vorzustellen, war ihm ganz unmöglich – oder er flohe vielmehr vor diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Lücke in seiner Seele wäre hervorgebracht worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmütze ganz etwas Unausstehliches, sooft es ihm bei dem Pastor Paulmann einfiel; es war, als ob dadurch eine Disharmonie in alle seine übrigen Vorstellungen käme.
Nun fügte es sich aber einmal, dass Anton gerade in der Kirchtüre stand, als der Pastor Paulmann hereintrat und in plattdeutscher Sprache zu dem Küster sagte, dass sie nachher noch ein Kind zu taufen hätten.
Würkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es dieser – den Mann, welchen er sich nie anders als mit jenem feierlichen herzerschütternden Tone zu dem versammelten volk redend gedacht hatte, zuerst plattdeutsch wie der simpelste Handwerksmann mit dem Küster über eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu hören; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und womit man einem sagen würde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen.
Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor Paulmann einigermassen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an und liebte ihn desto mehr.
Indes hatte er sich sein Ideal von Glückseligkeit völlig von dem Pastor Paulmann abstrahiert. – Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als, wie der Pastor Paulmann, öffentlich vor dem volk reden zu dürfen und alsdann so wie er manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden. – Dies letzte hatte insbesondre für ihn etwas Grosses und Patetisches – so dass er sich oft ganze Tage über in seinen Gedanken beständig mit dieser Anrede beschäftigte – und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen, über die Strassen ging und ein paar Jungen sich balgen sah, nicht unterlassen konnte, im geist die Worte des Pastor Paulmann zu wiederholen und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Höhe hob. – Wo er ging und stand, harangierte er in Gedanken für sich selber, und wenn er dann in recht heftigen Affekt geriet, so hielt er die Predigt gegen den Meineid.
So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen