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dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie musste durch Gebet und Tränen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein eigenes Gebet und Tränen vor allem volk vor Gott erringen, indem er sich selbst an die Stelle des seelenzerknirschten Sünders setzte. –

Dem Verzeifelnden wurde zugerufen: knie nieder in Staub und Asche, bis deine Knie wund sind, und sprich: ich habe gesündigt im Himmel und vor dirund so fing sich ein jeder Periode an mit: ich habe gesündigt im Himmel und vor dir! und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis: Witwen und Waisen hab ich unterdrückt; dem Schwachen hab ich seine einzige Stütze, dem Hungrigen sein Brot genommenso ging es durch das ganze Register der Freveltaten. – Und jeder Periode schloss sich dann: Herr, ist es möglich, dass ich noch Gnade finde! –

Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tränen. – Der Refrain bei jedem Perioden tat eine unglaubliche wirkunges war, als wenn jedesmal die Empfindung einen neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum höchsten Grade verstärkt wurde. – Selbst die zuletzt erfolgende Erschöpfung, die Heiserkeit des Redners (es war, als schrie er zu Gott für die Sünden des volkes) trug zu der allgemeinen um sich greifenden Rührung bei, die diese Predigt verursachte; da war kein Kind, das nicht sympatetisch mitgeseufzt und mitgeweint hätte.

Drittehalb Stunden waren schon wie Minuten verflossenplötzlich hielt er inne und schloss nach einer Pause mit denselben Versen, womit er begann. – Mit erschöpfter gedämpfter stimme las er nun die öffentliche beichte, das Sündenbekenntnis und die darauf erfolgende angekündigte Vergebung ab; darauf betete er für diejenigen, welche zum Abendmahl gehen wollten, worin er sich mit einschloss, und dann sprach er mit aufgehobenen Händen den Segen. – Der Abfall der stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte, hatte viel Feierliches und Rührendes.

Anton ging nun nicht aus der Kirche, er musste erst den Pastor Paulmann zum Abendmahl gehen sehen. – Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig. Mit einer Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wusste, dass der Pastor Paulmann gegangen war. – Was hätte er jetzt darum gegeben, dass er schon zum Abendmahl hätte mitgehen dürfen! Er sah nun den Pastor Paulmann zu haus gehen, dessen Sohn, ein Knabe von neun Jahren, nebenherging. – Seine ganze Existenz hätte Anton darum gegeben, um dieser glückliche Sohn zu sein. – Wenn er nun den Pastor Paulmann sah, wie er mit der Gemeine, die ihn von allen Seiten umwallte, über die Strasse ging und immer von beiden Seiten denen, die ihn grüssten, freundlich dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte und unter den übrigen Sterblichen ein übermenschliches Wesen dahin wandeln sahsein höchster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen nur einen seiner Blicke auf sich zu ziehenund als ihm das gelungen war, eilte er schnell nach haus, um diesen blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren.

Den folgenden Sonntag predigte der Pastor Paulmann des Mittags von der Liebe gegen die Brüder, und so seelenerschütternd seine Predigt wider den Meineid gewesen war, so sanftrührend war diese; die Worte flossen nun wie Honig von seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich nach dem Stoff, wovon er predigte, verändert zu haben. Und doch war hierbei nicht die mindeste Affektation. Es war ihm natürlich, sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlasste, zu verweben.

Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern Prediger dieser Kirche zugehörter geriet ein paarmal in eine Art von Wut gegen ihn, da sich alles anliess, als ob er jetzt Amen sagen würde, und er dann von neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons grösste Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzuhören, da er sich nicht entalten konnte, beständig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal die Predigt des Pastor Paulmann als das höchste Ideal gedacht hatte, welches ihm von jedem andern unerreichbar schien.

Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an dem Pastor Paulmann, die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten, welche Anton nun zum erstenmal von ihm hörte. – Und nun, in welcher ehrwürdigen Gestalt erschien er ihm jetzt! Er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare und sang die Worte: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglichmit einer so himmelerhebenden stimme und einem so mächtigen Ausdruck, dass Anton sich in dem Augenblick in höhere Regionen verzückt glaubteauch war ihm dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten geschahe, wozu sich sein Fuss nicht nahen durftewie beneidete er einen jeden, der zum Altar hinzutreten und aus den Händen des Pastor Paulmann das Abendmahl empfangen durfte! – Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen Wangen und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat, machte zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen.

Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. – Die idee vom Abendmahl war jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und womit er sich den ganzen Tag