Tenor, der bei seiner Höhe eine ungewöhnliche Fülle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven vibriert. Er sprach nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen Üppigkeit und Verschwendung; und im höchsten Feuer der Begeisterung redete er zuletzt die üppige und schwelgerische Stadt, deren Einwohner grösstenteils in dieser Kirche versammlet waren, mit Namen an; deckte ihre Sünden und Verbrechen auf; erinnerte sie an die zeiten des Krieges, an die Belagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zurück, wo die Not alle gleichmachte und brüderliche Eintracht herrschte; wo den üppigen Einwohnern, statt ihrer jetzt unter der Last der Schüsseln seufzenden Tische, Hunger und Teurung, statt ihrer Armbänder und Geschmeide Fesseln drohten. – Anton glaubte einen der Propheten zu hören, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte und die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt. –
Anton ging aus der Kirche nach haus und sagte zu August kein Wort; aber er dachte von nun an, wo er ging und stunde, nichts als den Pastor Paulmann. Von diesem träumete er des Nachts und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine Miene und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingeprägt. – Beim Wollekratzen in der Werkstatt und beim Hütewaschen beschäftigte er sich die ganze Woche über mit den entzückenden Gedanken an die Predigt des Pastor Paulmann und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschüttert oder zu Tränen gerührt hatte, zu unzähligen Malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die alte majestätische Kirche und die lauschende Menge und die stimme des Predigers hinzu, welche jetzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang – er zählte Stunden und Minuten bis zum nächsten Sonntage.
Dieser kam; und ist je ein unauslöschlicher Eindruck auf Antons Seele gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage hörte. – Die Anzahl von Menschen war womöglich noch grösser als am vorigen Sonntage – Vor der Predigt wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen: Herr, wer wird wohnen in deiner Hütte? wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?
Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut und redet die Wahrheit von Herzen.
Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet und seinem nächsten kein Arges tut und seinen nächsten nicht schmähet.
Wer die Gottlosen nichts achtet und ehret die Gottesfürchtigen: Wer seinem nächsten schwöret und hälts.
'Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenk über den Unschuldigen. Wer das tut, der wird wohl bleiben.'
Durch dies kurze und erschütternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu grossen und erhabnen Eindrücken vorbereitet, als der Pastor Paulmann mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie ganz in sich versenkt, auftrat und ohne Gebet und Eingang mit ausgestrecktem Arm zu reden anhub und sprach:
"Wer nicht Witwen und Waisen drückt; wer nicht heimlicher Verbrechen sich bewusst ist; wer seinen nächsten nicht mit Wucher übervorteilet; wem kein Meineid die Seele belastet; der hebe voll Zutrauen seine hände mit mir zu Gott empor und bete: Vater unser! usw."
Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Täufer, wo dieser gefragt wird, ob er Christus sei: 'Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte, ich bin nicht Christus!' Von diesen Worten nahm er gelegenheit, vom Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas gedämpften, feierlichern stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an:
Weh dir, der du gewissenlos
Gott, deinen Herrn, verleugnet!
Was trägst du deine Stirne bloss,
Die schwarzer Meineid zeichnet? –
Mit dieser Stirne logst du Gott,
Sein heilger Name war dir Spott,
Wie tief bist du gefallen!
Weh dir, vor Gottes Angesicht
Trittst du – er kennet deiner nicht –
Unglücklicher von allen,
Die einer Mutter Brust gesäugt –
Verzweifle nicht – vielleicht, vielleicht,
Dass einst nach deiner Tränen Menge,
Die Flamm in deinem Busen löscht
Und Reue, mit der Jahre Länge,
Die Schuld von deiner Seele wäscht.
Der du die Freveltat begannst,
O gib, wenn du noch weinen kannst,
Die Hoffnung nicht verloren –
Gott wendet noch sein Angesicht,
Er will den Tod des Sünders nicht,
Sein Mund hat es geschworen. –
Diese Worte, mit öftern Pausen und dem erhabensten Patos gesprochen, taten eine unglaubliche wirkung. – Man atmete, da sie geendigt waren, tiefer herauf, man wischte sich den Schweiss von der Stirn. – Und nun wurde die natur des Meineides untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben nahte sich ihm, wie ein gewappneter Mann, der Sünder erbebte in den innersten Tiefen seiner Seele – er rief: "Ihr Berge fallet über mich, und ihr Hügel bedecket mich!" – Der Meineidige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des Ewigen vernichtet. –
Hier schwieg er wie erschöpft – ein panisches Schrecken bemächtigte sich aller Zuhörer. – Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch, ob er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe.
Aber nun begann der Zuspruch – dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung angekündigt – wenn er zehnfach büsste, was er Witwen und Waisen entrissen; wenn er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tränen der Reue und guten Werken wieder abzuwaschen suchte.
Die Gnade wurde