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fühlte, mochte er sich am liebsten in religiösen Schwärmereien von 'Aufopferung, gänzlicher Hingebung' usw. verlieren, und der Ausdruck 'Opfersaltar' war ihm vorzüglich rührend, so dass er diesen in alle die kleinen Lieder und Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte.

Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen (dieser hiess August) fingen nun wieder an, einen neuen Reiz für ihn zu bekommen, und ihre gespräche wurden vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Nächte, welche sie oft zusammen durchwachen mussten, machten ihre Freunschaft noch inniger.

Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube sassen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewölbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen und ungefähr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein grosses Kohlenbecken gesetzt und an den Wänden umher die mit Scheidewasser bestrichnen Hasenfelle aufgehangen, deren Haar hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den feinern Hüten als Zutat gebraucht zu werden.

Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise sassen Anton und August in dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen musste, und fühlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauerliche dieses dunklen Gewölbes so fest zusammengeschlossen, dass ihre Herzen oft in wechselseitigen Ergiessungen der Freundschaft überströmten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.

Lobenstein war, wie der Herr von Fleischbein und alle seine Anhänger, ein Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. Solange also die Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine Kirche in Braunschweig gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die Kirche und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnügen daran fand, die verschiedenen Prediger nacheinander zu hören. –

Nun sassen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der Trockenstube und sprachen über verschiedene Prediger, die sie gehört hatten, als der letztre dem Anton versprach, ihn künftigen Sonntag mit in die Brüdernkirche zu nehmen, wo er einen Prediger hören würde, der alles überträfe, was er sich denken und vorstellen könnte. Dieser Prediger hiess Paulmann, und August konnte nicht aufhören, zu erzählen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes erschüttert und bewegt sei. Nichts war für Anton reizender, als der Anblick eines öffentlichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er hörte aufmerksam auf das, was August ihm erzählte. Er sah schon im Geist den Pastor Paulmann auf der Kanzel, er hörte ihn schon predigen. Sein einziger Wunsch war, dass es nur erst möchte Sonntag sein!

Der Sonntag kam heran. Anton stand früher wie gewöhnlich auf, verrichtete seine Geschäfte und kleidete sich an. Als geläutet wurde, hatte er schon eine Art von angenehmen Vorgefühl dessen, was er nun bald hören werde. Man ging zur Kirche. Die Strassen, welche nach der Brüdernkirche führten, waren voller Menschen, die stromweise hinzueilten. – Der Pastor Paulmann war eine Zeitlang krank gewesen und predigte nun zum ersten Male wieder: das war auch die ursache, warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war.

Als sie hereinkamen, konnten sie kaum noch ein Plätzchen der Kanzel gegenüber finden. Alle Bänke, die Gänge und Chöre waren voller Menschen, welche alle einer über den andern wegzusehen strebten. Die Kirche war ein altes gotisches Gebäude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewölbe unterstützten, und ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemalt waren, dass sie nur ein schwaches Licht durchschimmern liessen.

So war die Kirche schon von Menschen erfüllt, ehe der Gottesdienst noch begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal ertönte die vollstimmige Orgel, und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien das Gewölbe zu erschüttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller Augen auf die Kanzel geheftet, und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen fast angebeteten Prediger zu sehen, als zu hören.

Endlich trat er hervor und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel, ehe er hinaufstieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem versammleten volk. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahresein Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Lächeln zu verziehen, seine Augen glänzten himmlische Andachter predigte schon, wie er da stand, mit seinen Mienen, mit seinen stillgefaltenen Händen.

Und nun, als er anhub, welche stimme, welch ein Ausdruck! – Erst langsam und feierlich, und dann immer schneller und fortströmender: so wie er inniger in seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu blitzen, aus seiner Brust an zu atmen und bis in seine äussersten Fingerspitzen Funken zu sprühen. Alles war an ihm in Bewegung; sein Ausdruck durch Mienen, Stellung und Gebärden überschritt alle Regeln der Kunst und war doch natürlich, schön und unwiderstehlich mit sich fortreissend.

Da war kein Aufentalt in dem mächtigen Erguss seiner Empfindungen und Gedanken; das künftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen, ehe das vorhergehende noch völlig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der strömenden Flut verschlingt, so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der folgenden, und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwärtigung der vorhergegangnen.

Seine stimme war ein heller