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in seinem gesicht notwendig ein ruchloser, weltlichgesinnter Mensch werden musste von dem nichts anders zu vermuten stand, als dass ihn Gott selbst in seinen Sünden dahingeben würde. –

Hätte Anton seinen Vorteil besser verstanden, so hätte er jetzt durch ein niedergeschlagenes, misantropisches Wesen, vorgegebene Beängstigungen und Beklemmungen seiner Seele noch alles wieder gutmachen können. Denn nun würde Lobenstein geglaubt haben, Gott sei im Begriff, die verirrte Seele wieder zu sich zu ziehen. –

Aber weil Lobenstein den Grundsatz hatte, dass derjenige, welchen Gott bekehren wolle, auch ohne sein Zutun bekehrt werde; und dass Gott erwählet, welchen er will, und verwirft und verstocket, welchen er will, um seine Herrlichkeit zu offenbarenso schien es ihm gleichsam gefährlich, sich in die Sache Gottes zu mischen, wenn es etwa den Anschein hatte, als ob einer wirklich von Gott verworfen wäre.

Mit Anton hatte es nun, seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach, bei dem Herrn Lobenstein wirklich beinahe diesen Anschein. – Die Sache war ihm so wichtig gewesen, dass er darüber mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert hatte. – Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Herrn von Fleischbein eine Stelle, die ihn betraf; und worin der Herr von Fleischbein versicherte, allen Kennzeichen nach 'habe der Satan seinen Tempel in Antons Herzen schon so weit aufgebauet, dass er schwerlich wieder zerstört werden könne'. –

Das war wirklich ein Donnerschlag für Antonaber er prüfte sich und verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden, und es war ihm unmöglich, irgendeinen Unterschied dazwischen zu entdecken; er hatte noch ebenso oft eingebildete göttliche Rührungen und Empfindungen wie sonst; er konnte sich nicht überzeugen, dass er ganz aus der Gnade gefallen und von Gott verworfen sein sollte. Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Herrn von Fleischbein an zu zweifeln.

Dadurch verlor sich seine Niedergeschlagenheit wieder, die ihm sonst vielleicht aufs neue den Weg zu der Gunst des Herrn Lobenstein würde gebahnt haben, dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnügten Mienen vollends verscherzte.

Die erste Folge davon war, dass ihn Lobenstein aus seiner kammer entfernte und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen musste, der nun anfing, wieder sein Freund zu werden, weil er ihn nicht mehr beneidete; die andre, dass er wieder anfangen musste, mehr wie jemals die schwersten und niedrigsten arbeiten zu verrichten, wobei er immer in der Werkstatt bleiben musste und nur selten zu Herrn Lobenstein in die stube kommen durfte. Der Klaviermeister wurde nur noch deswegen beibehalten, weil Lobenstein das angefangne Werk der Bekehrung in ihm vollenden und also statt einer verlornen Seele Gott wieder eine andre zuführen wollte.

Der Winter kam heran, und jetzt fing Antons Zustand wirklich an, hart zu werden: er musste arbeiten verrichten, die seine Jahre und Kräfte weit überstiegen. Lobenstein schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter nichts anzufangen sei, so müsse man wenigstens von seinem Körper allen möglichen Gebrauch machen. Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrachten, das man wegwirft, wenn man es gebraucht hat.

Bald wurden Antons hände durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen gänzlich untauglich gemacht. – Er musste fast alle Woche ein paarmal des Nachts mit dem andern Lehrburschen aufbleiben, um die geschwärzten Hüte aus dem siedenden Färbekessel herauszuholen und sie dann unmittelbar darauf in der vorbeifliessenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis musste gehauen werden. Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost machte, dass Anton beide hände aufsprangen und das Blut ihm heraussprützte.

Allein statt dieses ihn hätte niederschlagen sollen, erhob es vielmehr seinen Mut. Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine hände und betrachtete die blutigen Merkmale daran als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit; und solange diese harten arbeiten noch für ihn den Reiz der Neuheit hatten, machten sie ihm ein gewisses Vergnügen, das vorzüglich im Gefühl seiner körperlichen Kräfte bestand; zugleich gewährten sie ihm eine Art von süssem Freiheitsgefühl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

Es war ihm, als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen könne, nachdem er ebenso wie die andern gearbeitet und des Tages Last und Hitze wie sie getragen hatte. Unter den beschwerlichsten arbeiten empfand er eine Art von innerer Wertschätzung, die ihm die Anstrengung seiner Kräfte verschaffte; und oft würde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht haben, worin er sich beim Genuss der strengen und alle Freiheit vernichtenden Freundschaft Lobensteins befand.

Dieser aber fing jetzt an, ihn immer härter zu drükken: oft musste er in der bittersten Kälte den ganzen Tag über in einer ungeheizten stube Wolle kratzen. Dies war ein klüglich ausgesonnenes Mittel des Herrn Lobenstein, um Antons Arbeitsamkeit zu vermehren: denn wenn er nicht vor Kälte umkommen wollte, so musste er sich rühren, soviel nur in seinen Kräften stand, dass ihm Abends oft beide arme wie gelähmt und doch hände und Füsse erfroren waren.

Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einförmigkeit sein Los am bittersten. Besonders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in gang kommen wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in Bewegung geraten, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt vorüber. Er verlor sich oft in entzückenden Aussichten. Zuweilen sang er seine Empfindungen, in Rezitativen von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich besonders von der Arbeit ermüdet, seine Kräfte erschöpft und von seiner Lage gedrückt