dann wachend noch fortträumte, auch ihren Schatten in irgendeiner Ecke seiner kammer noch zu sehen glaubte. Anton musste ihm von nun an zur Gesellschaft sein und in einem Bette neben ihm schlafen. Dadurch wurde er ihm gewissermassen zum Bedürfnis, und er wurde etwas gütiger gegen ihn gesinnt. – Er liess sich oft mit ihm in Unterredungen ein, fragte ihn, wie er in seinem Herzen mit Gott stehe, und lehrte ihn, dass er sich Gott nur ganz hingeben solle; wenn er dann zu dem Glück der Kinder Gottes auserwählt wäre, so würde Gott selbst das Werk der Bekehrung in ihm anfangen und vollenden usw. – Des Abends musste Anton, ehe er zu Bette ging, für sich stehend leise beten, und das Gebet durfte auch nicht allzu kurz sein – sonst fragte Lobenstein wohl, ob er denn schon fertig sei und Gott nichts mehr zu sagen habe? – Dies war für Anton eine neue Veranlassung zur Heuchelei und Verstellung, die sonst seiner natur ganz entgegen war. – Ob er gleich leise betete, so suchte er doch seine Worte so vernehmlich auszusprechen, dass er von Lobenstein recht gut verstanden werden konnte – und nun herrschte durch sein ganzes Gebet nicht sowohl der Gedanke an Gott als vielmehr, wie er sich durch irgendeinen Ausdruck von Reue, Zerknirschung, sehnsucht nach Gott und dergleichen wohl am besten in die Gunst des Herrn Lobenstein einschmeicheln könnte. – Das war der herrliche Nutzen, den dies erzwungne Gebet auf Antons Herz und Charakter hatte.
Doch aber fand Anton auch zuweilen im einsamen Gebete noch eine Art von heimlichen Vergnügen, wenn er in irgendeinem Winkel der Werkstatt kniete und Gott bat, dass er doch eine einzige von den grossen Veränderungen in seiner Seele hervorbringen möchte, wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und gehört hatte. Und so weit ging die Täuschung seiner Einbildungskraft, dass es ihm zuweilen wirklich war, als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele vor; und sogleich war auch der Gedanke da, wie er nun diesen seinen Seelenzustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Herrn von Fleischbein einkleiden oder ihn Herrn Lobenstein erzählen wollte. Es waren also dergleichen eingebildete innere Gefühle immer eine süsse Nahrung seiner Eitelkeit, und das innige Vergnügen, was er darüber empfand, wurde vorzüglich durch den Gedanken erweckt, dass er doch nun sagen könnte, er habe ein solches göttliches, himmlisches Vergnügen in seiner Seele empfunden – es schmeichelte ihn immer sehr, wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzustand für so wichtig hielten, dass sie sich darum bekümmerten. Das war der Grund, dass er sich so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete, um dann etwa dem Herrn Lobenstein klagen zu können, dass er sich in einem Zustande der Leere, der Trockenheit befinde, dass er keine rechte sehnsucht nach Gott bei sich verspüre usw., und sich alsdann den Rat des Herrn Lobenstein über diesen seinen Seelenzustand ausbitten zu können, der ihm denn auch immer mit vieler für ihn schmeichelhaften Wichtigkeit erteilt ward.
Ja, es kam gar einmal so weit, dass über seinen Seelenzustand mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert und ihm eine Stelle in dem Briefe des Herrn von Fleischbein, die sich auf ihn bezog, gezeigt wurde. Was Wunder, dass er auf die Weise veranlasst wurde, sich durch allerlei eingebildete Veränderungen seines Seelenzustandes in seinen eignen Augen sowohl als in den Augen andrer bei dieser Wichtigkeit zu erhalten, da er als ein Wesen betrachtet wurde, bei dem sich eine ganz eigne besondre Führung Gottes offenbarte.
Er bekam nun auch eine schwarze Schürze wie der andre Lehrbursche, und anstatt dass ihn dieser Umstand hätte niederschlagen sollen, trug er vielmehr vieles zu seiner Zufriedenheit bei. Er betrachtete sich nun als einen Menschen, der schon anfing, einen gewissen Stand zu bekleiden. Die Schürze brachte ihn gleichsam in Reihe und Glied mit andern seinesgleichen, da er vorher einzeln und verlassen dastand – er vergass über die Schürze eine Zeitlang seinen Hang zum Studieren und fing an, auch an den übrigen Handwerksgebräuchen eine Art von Gefallen zu finden, der ihn nichts eifriger wünschen liess, als dieselben einmal mitmachen zu können. – Er freute sich innerlich, so oft er den Gruss eines einwandernden Gesellen hörte, der das gewöhnliche Geschenk zu fordern kam; und keine grössere Glückseligkeit konnte er sich denken, als wenn er auch einmal als Geselle so einwandern und dann, nach Handwerksgebrauch, den Gruss mit den vorgeschriebenen Worten hersagen würde. –
So hängt das jugendliche Gemüt immer mehr an den Zeichen als an der Sache, und es lässt sich von den frühen Äusserungen bei Kindern, in Ansehung der Wahl ihres künftigen Berufes, wenig oder gar nichts schliessen. – Sobald Anton lesen gelernt hatte, fand er ein unbeschreibliches Vergnügen darin, in die Kirche zu gehen; seine Mutter und seine Base konnten sich nicht genug darüber freuen. Was ihn aber in die Kirche trieb, war der Triumph, den er allemal genoss, wenn er nach dem schwarzen Brette, wo die Nummern der Gesänge angeschrieben waren, hinsehen und etwa einem erwachsenen Menschen, der neben ihm stand, sagen konnte, was es für eine Nummer sei: und wenn er denn ebenso und oft noch geschwinder als die erwachsenen Leute diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen und nun mitsingen konnte. –
Die Zuneigung des Herrn Lobenstein gegen Anton schien jetzt immer grösser zu werden, je mehr dieser nach seiner geistlichen Führung ein Verlangen bezeigte. – Er liess ihn oft bis um Mitternacht an den Gesprächen mit seinen vertrautesten Freunden