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künftigen Sonntage predigen wollte.

Nachdem sie im Gastofe eingekehrt waren und sich noch einmal aller der seligen Szenen erinnert hatten, die sie genossen haben wollten, wenn sie am Abhange des Steigers Klopstocks Messiade zusammen lasen, so machte sich Reiser wieder auf den Weg, und Neries begleitete ihn noch eine ganze Strecke hin, bis es dunkel wurde.

Da umarmten sie sich und nahmen auf die rührendste Weise voneinander Abschied, indem sie sich bei diesem Abschiede zum erstenmal Bruder nannten. Reiser riss sich los und eilte schnell fort, indem er seinem Freunde zurief: Nun reit zurück!

Als er aber schon in einiger Entfernung war, sah er sich wieder um und rief noch einmal: Gute Nacht! Sobald er dies Wort gesagt hatte, war es ihm fatal, und er ärgerte sich darüber, sooft es ihm wieder einfiel. Denn die ganze empfindsame Szene hatte selbst in der Erinnerung dadurch einen Stoss erlitten, weil es komisch klingt, einem, dem man auf lange Zeit oder vielleicht auf immer schon Lebewohl gesagt hat, nun noch einmal ordentlich eine gute Nacht zu wünschen, gleichsam als wenn man am andern Morgen wieder einen Besuch bei ihm ablegen würde. –

Es war eine schneidende Kälte. Reiser aber wanderte nun, ohne irgendeine Bürde zu tragen, mit reizenden Aussichten auf Ruhm und Beifall seine Strasse fort.

Oft, wenn er auf eine Anhöhe kam, stand er ein wenig still und übersah die beschneiten Fluren, indem ihm auf einen Augenblick ein sonderbarer Gedanke durch die Seele schoss, als ob er sich wie einen Fremden hier wandeln und sein Schicksal wie in einer dunkeln Ferne sähe. – Diese Täuschung verschwand aber ebenso bald, wie sie entstand; und er dachte dann wieder im Gehen vor sich, wie Leipzig aussehen, in was für Rollen er auftreten würde usw.

Auf die Weise legte er den Weg von Erfurt nach Leipzig sehr vergnügt zurück; im Gehen aber sprach er häufig den Namen Neries aus, den er wirklich liebte, und weinte heftig dabei, bis ihm das komische 'gute Nacht' einfiel, welches er gar nicht in den Zusammenhang dieser rührenden Erinnerung mit zu bringen wusste.

In Erfurt hatte man ihm schon gesagt, dass er in Leipzig in dem Gastofe 'Zum goldenen Herzen' einkehren müsse, wo die Schauspieler immer logierten und gleichsam dort ihre Niederlage hätten.

Als er in die stube trat, fand er denn auch schon eine ziemliche Anzahl von den Mitgliedern der Speichschen truppe vor, die er als seine künftigen Kollegen begrüssen wollte, indem er an allen eine ausserordentliche Niedergeschlagenheit bemerkte, welche sich ihm bald erklärte, als man ihm die tröstliche Nachricht gab, dass der würdige Prinzipal dieser truppe gleich bei seiner Ankunft in Leipzig die Teatergarderobe verkauft habe und mit dem Gelde davongegangen sei. – Die Speichsche truppe war also nun eine zerstreuete Herde.