1785_Moritz_072_149.txt

eine schmeichelhafte idee, dass er als ein Jüngling sich einen so ernsten Gegenstand zu besingen wählte; daher hub er denn auch sein Gedicht an: Ein Jüngling, der schon früh den Kelch der Leiden trank, usw. Als er nun aber zum Werke schritt und den ersten Gesang seines Gedichts, wovon er den Titel schon recht schön hingeschrieben hatte, wirklich bearbeiten wollte, fand er sich in seiner Hoffnung, einen Reichtum von fürchterlichen Bildern vor sich zu finden, auf das bitterste getäuscht.

Die Flügel sanken ihm, und er fühlte seine Seele wie gelähmt, da er nichts als eine weite Leere, eine schwarze Öde vor sich erblickte, wo sich nun nicht einmal das vergeblich aufarbeitende Leben wie bei der Schilderung des Chaos anbringen liess, sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte und ein ewiger Schlaf alle Bewegungen fesselte.

Er strengte mit einer Art von Wut seine Einbildungskraft an, in diese Dunkelheit Bilder hineinzutragen, allein sie schwärzten sich, wie auf Herkules' haupt die grünen Blätter seines Pappelkranzes, da er sich, um den Cerberus zu fangen, dem haus des Pluto nahte. Alles, was er niederschreiben wollte, löste sich in Rauch und Nebel auf, und das weisse Papier blieb unbeschrieben.

Über diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen Dichtungstriebes erlag er endlich und verfiel selbst in eine Art von Letargie und völligem Lebensüberdruss.

Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette und blieb die Nacht und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen, aus der ihn erst am Abend des folgenden Tages, wo es gerade Weihnachten war, ein Bote von seinem gönner, dem Regierungsrat Springer, weckte, dessen Frau an Reisern ein sehr grosses Weihnachtsbrot zum Geschenk übersandte.

Dies war nun gerade, was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch bestärkte. Er schloss sich mit diesem grossen Brote ein und lebte vierzehn Tage davon, weil er nur wenig genoss, indem er Tag und Nacht wo nicht in einem immerwährenden Schlafe, doch, die letzten Tage ausgenommen, in einem beständigen Schlummer im Bette zubrachte. Hiezu kam nun freilich der Umstand, dass er kein Holz hatte, um einzuheizen; er hätte aber auch nur ein Wort sagen dürfen, um dies Bedürfnis zu befriedigen, wenn es ihm nicht gewissermassen selbst lieb gewesen wäre, den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren Lebensart vorschützen zu können.

Reiser wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestört, weil er gegen diese oft den Wunsch geäussert hatte, dass er nur einmal ein paar Wochen lang ganz einsam zu sein wünschte.

Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare wirkung auf Reisern: die ersten acht Tage brachte er in einer Art von gänzlicher Abspannung und Gleichgültigkeit zu, wodurch er den Zustand, den er vergeblich zu besingen gestrebt hatte, nun gewissermassen in sich selber darstellte. Er schien aus dem Lete getrunken zu haben und kein Fünkchen von Lebenslust mehr bei ihm übrig zu sein.

Die letzteren acht Tage aber war er in einem Zustande, den er, wenn er ihn isoliert betrachtet, unter die glücklichsten seines Lebens zählen muss.

Durch die lange fortdaurende Abspannung hatten sich allmählich die schlafenden Kräfte wieder erholt. Sein Schlummer wurde immer sanfter; durch seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten; seine jugendlichen Hoffnungen erwachten wieder eine nach der andern; Ruhm und Beifall krönten ihn wieder; schöne Träume liessen ihn in eine goldne Zukunft blicken. Er war von diesem langen Schlafe wie berauscht und fühlte sich in einem angenehmen Taumel, sooft er von dem süssen Schlummer ein wenig aufdämmerte. Sein Wachen selber war ein fortgesetzter Traum; und er hätte alles darum gegeben, in diesem Zustande ewig bleiben zu dürfen.

Wenn er daher die gefrornen Fenster ansah, so war ihm dies der angenehmste Anblick, weil er dadurch genötigt wurde, immer noch einen Tag länger im Bette zu bleiben. Sein grosses Brot auf dem Tische betrachtete er wie ein Heiligtum, das er so sehr wie möglich schonen musste, weil von der Dauer dieses Brots mit die Dauer seines glücklichen Zustandes abhing.

Nun fühlte er sich aber auch wieder, sobald es gelten sollte, zu nichts zu schwach. Das Teater stand wieder so glänzend wie jemals vor ihm da; alle die teatralischen Leidenschaften durchstürmten wieder eine nach der andern seine Seele, und die Gemüter der Zuschauer wurden durch sein Spiel erschüttert.

Als nun sein Brot verzehrt war, stand er gegen Abend auf, ordnete seinen Anzug so gut wie möglich, und sein erster gang war ins Teater, wo er sich in einen Winkel setzte und erstlich ein Stück, namens Inkle und Yariko, alsdann aber die Leiden des jungen Werters aufführen sah. Der Verfasser des letzteren hatte fast nichts getan, als die Werterschen Briefe in Dialogen und Monologen verwandelt, die denn freilich sehr lang wurden, aber doch das Publikum sowohl als die Schauspieler wegen des rührenden Gegenstandes ausserordentlich interessierten.

Nun ereignete sich aber gerade bei der tragischen Katastrophe des letzteren Stücks ein sehr komischer Zufall. Man hatte sich nämlich irgendwo ein paar alte verrostete Pistolen geliehen und war zu nachlässig gewesen, sie vorher zu probieren.

Der Akteur, welcher den Werter spielte, nahm sie vom Tische auf und sagte denn alles, wie es im Werter steht, buchstäblich dabei: "Deine hände haben sie berührt; du hast selber den Staub davon abgeputzet usw." Dann hatte er sich auch, um alles genau und vollständig darzustellen, einen Schoppen Wein und Brot bingen lassen, wozu denn der Aufwärter nicht ermangelte, auch ein