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, war ihm unerträglich. Mit dem wenigen Gelde, was er noch übrig hatte, ging er an das äusserste Ende der Stadt, wo er sich in einem Gastof einquartierte, in welchem er aber nur schlief und des Abends sich etwas Bier und Brot geben liess, um desto länger mit seinem Gelde zu reichen.

Bei Tage ging er grösstenteils in öden Gegenden umher, suchte, wenn es regnete, in den Kirchen Schutz und brachte auf die Weise beinahe vierzehn Tage zu, in welcher Zeit niemand wusste, wo er geblieben war; bis endlich denn doch einer seiner Freunde ihn ausspähte und er auf einmal von Neries, Okkord, W ... und noch einigen, die sich für ihn interessierten, in dem Gastofe unvermutet überrascht und über seine Entfernung ihm freundschaftliche Vorwürfe gemacht wurden.

Er konnte nun sein Haar vor der Stirn über die Perücke schon etwas überkämmen, und wenn er sich dann stark puderte, so hatte es einigermassen den Anschein, als ob er eigenes Haar trüge.

Er entschloss sich also, mit den Freunden, die ihn abholten, wieder in die menschliche Gesellschaft zu gehen, aber er wollte auch so viel wie möglich nur unter ihnen sein und wünschte auch auf alle Weise entfernt und einsam zu wohnen.

Auch diesen Wunsch suchte man ihm zu gewähren. Der gutmütige W ... sprach gleich mit seinem Onkel, dem damaligen Regierungsrat und Professor Springer in Erfurt, und stellte ihm Reisers Zustand und sein Bedürfnis einer einsamen wohnung lebhaft vor.

Der Regierungsrat Springer liess Reisern zu sich kommen, und wenn dieser jemals aufmunternd angeredet und mit wahrer Teilnehmung aufgenommen wurde, so war es von diesem mann, gegen welchen Reiser die innigste Zuneigung und Verehrung fasste.

Er las damals ein statistisches Kollegium, welches Reiser ein paarmal mit anhörte und, da ihn die Sache sehr interessierte, vom Regierungsrat Springer aufgefordert wurde, sich diesem Fache zu widmen, wobei er ihn auf alle mögliche Weise unterstützen wolle.

Den Anfang dieser Unterstützung machte nun der Regierungsrat Springer sogleich damit, dass er Reisern seinem Wunsche gemäss eine einsame wohnung gab, indem er ihm sein eigenes Gartenhaus einräumte, wozu Reiser den Schlüssel bekam und wo er aus seinem Fenster die schönste Aussicht über einen teil der aneinandergrenzenden Gärten hatte, welche ganz Erfurt umgaben.

Reiser genoss auch wieder seinen Freitisch, der Doktor Froriep nahm sich seiner auf das tätigste an und suchte ihm auf alle Weise Unterstützung zu verschaffen; er fing sogar an matematische Kollegia zu hören, seine guten Freunde zogen ihn mit zu allen ihren literarischen Zusammenkünften und lasen ihm zum teil ihre Ausarbeitungen vor, so dass die Sache nunmehr im besten Gange war, wenn ein neuer unglücklicher Anfall von Poesie nicht alles wieder verdorben hätte.

Zuerst mochte wohl sein neuer Aufentalt in der einsamen romantischen wohnung nicht wenig dazu beitragen, seine Einbildungskraft aufs neue zu erhitzen. Dann kam ein Brief dazu, den er an Philipp Reisern in Hannover schrieb und welcher seinen Rückfall beschleunigte.

Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Werterschen Briefe abgefasst. Die patriarchalischen Ideen mussten auch auf alle Weise wieder erweckt werden, nur schade, dass es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte.

Denn um diesen Brief schreiben zu können, schaffte sich Reiser erst einen Teetopf an und lieh sich eine Tasse, und weil er kein Holz im haus hatte, kaufte er sich Stroh, welches man in Erfurt zum Brennen braucht, um sich selber in seinem Stübchen in dem kleinen Öfchen seinen Tee zu kochen, womit er endlich, nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war, zustande kam.

Und als dies nun nur erst einmal geschehen war, so schrieb er gleichsam triumphierend an Philipp Reisern.

Jetzt, mein Lieber! bin ich in einer Lage, welche ich mir nicht reizender wünschen könnte. Ich blicke aus meinem kleinen Fenster über die weite Flur hinaus, sehe ganz in der Ferne eine Reihe Bäumchen auf einem kleinen Hügel hervorragen und denke an Dich, mein Lieber, usw. Ich habe die Schlüssel dieser einsamen wohnung und bin hier Herr im Haus und Garten usw. Wenn ich denn manchmal so dasitze an dem kleinen Öfchen und mir selbst meinen Tee koche usw.

In dem Tone ging es fort und ward ein stattlicher und langer Brief; und als nun Reiser es nicht über das Herz bringen konnte, diesen schönen Brief nicht auch seinem kritischen Freunde, dem Doktor Sauer, zu zeigen, so verdarb dieser vollends die Sache, indem er ihm nach seiner gutmütigen Höflichkeit das Kompliment machte: wenn ihm Reisers Gegenwart nicht selbst zu lieb wäre, so würde er wünschen, entfernt zu sein, um nur solche Briefe von Reisern zu erhalten.

Und nun war auf einmal der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei Reisern wieder angefacht. Er suchte nun zuerst sein Gedicht über die Schöpfung vollends durch das Chaos durchzuführen und hub mit neuer Qual an, in der Darstellung von grässlichen Widersprüchen und ungeheuren labyrintischen Verwikkelungen der Gedanken sich zu verlieren, bis endlich folgende beide Hexameter, die er aus der Bibel nahm, ihn aus einer Hölle von Begriffen erlösten. Auf dem stillen Gewässer rauschte die stimme des

Ewigen

Sanft daher und sprach: es werde Licht! und es ward

Licht.

Merkwürdig war es, dass ihm nun die Lust verging, dies Gedicht weiter fortzuführen, sobald der Stoff nicht fürchterlich mehr war. Er suchte also nun einen Stoff aus, der immer fürchterlich bleiben musste und den er in mehreren Gesängen bearbeiten wollte; was konnte dies wohl anders sein als der Tod selber!

Dabei war es ihm