namens Beil, der sich damals unter dieser
truppe befand und nachher ein berühmter Schauspieler geworden ist, zog am meisten seine Neugier auf sich. Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser truppe am vorzüglichsten aus, und Reiser wünschte nichts sehnlicher, als seine Bekanntschaft zu machen, welches ihm auch nicht schwer wurde; er diesem Beil seinen Wunsch, der ihn denn auch in seinem Entschluss, sich dem Teater zu widmen, bestärkte und an welchem Reiser nun zugleich einen Freund zu finden hoffte.
Er setzte nun jede Rücksicht beiseite, suchte den Gedanken an den Doktor Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie möglich vor sich selber zu verbergen und engagierte sich, ohne jemanden etwas davon zu sagen, bei dem Prinzipal der truppe; er hatte den Mut und die Hoffnung, in der ersten Rolle sich so zu zeigen, dass jedermann seinen Entschluss billigen würde.
Nun kam es auf die erste Rolle an, worin er auftreten sollte; und zufälligerweise traf es sich, dass in einigen Tagen die Poeten nach der Mode gespielt werden sollten, worin man ihm eine Rolle antrug.
Er wünschte sich, den Dunkel zu spielen, und hatte die Rolle schon auswendig gelernt, als sein neuer Freund, der Schauspieler Beil, ihm davon abriet, weil er selbst immer diese Rolle gespielt habe und sie ihm vorzüglich gut gelungen sei, Reiser möchte also lieber den Reimreich übernehmen, weil ein wenig bedeutender Schauspieler diese Rolle besitze.
Reiser liess sich auch dies sehr gern gefallen, weil er durch den Maskaril und den Magister Blasius, welche Rollen er doch beide mit Beifall gespielt, sich auch einige Stärke im Komischen zutrauete.
Er schrieb sich also seine Rolle auf und lernte sie auswendig. Er war wirklich in der Aussicht auf seine teatralische Laufbahn vollkommen glücklich, als eine Bemerkung, die unter diesen Hoffnungen die fürchterlichste für ihn war, ihn mit Angst und Schrekken erfüllte. Ihm war es wie einem, den des Satans Engel mit Fäusten schlüge: er bemerkte, dass ihm der Verlust seines Haars drohte.
Gerade jetzt also, da er einen Körper ohne Fehl am notwendigsten brauchte, betraf ihn dieser Zufall, der ihn schon im voraus gegen sich selber mit Abscheu erfüllte.
Er eilte in dieser Not zu seinem treuen Freunde, dem Doktor Sauer, der ihm zu der Erhaltung seiner Haare wieder Hoffnung machte; und so fand er sich denn am Abend, wo die Poeten nach der Mode aufgeführt werden sollten, in der Garderobe hinter den Kulissen ein und kleidete sich komisch genug, um den Reimreich in seinem lächerlichsten Lichte darzustellen; sein Name stand an diesem Tage schon auf dem Komödienzettel an allen Ecken mit angeschlagen.
Als das Schauspiel bald angehen sollte, kam sein Freund Neries auf das Teater und machte ihm die bittersten Vorwürfe; Reiser liess sich durch nichts in dem Taumel seiner leidenschaft stören und war ganz in seine Rolle vertieft, woran sogar sein Freund Neries zuletzt mit teilnahm und über seinen komischen Anzug lachte, als auf einmal ein Bote erschien, welcher dem Prinzipal ankündigte, dass der Doktor Froriep sogleich zum Stattalter fahren und Beschwerde über ihn führen würde, wofern er es wagte, den Studenten, dessen Name auf dem Komödienzettel gedruckt stände, das Teater betreten zu lassen; Verlust seiner Konzession hier zu spielen würde die unausbleibliche Folge davon sein.
Reiser stand wie versteinert da, und der Prinzipal wusste in der Angst nicht, wozu er greifen sollte, bis sich ein Schauspieler erbot, die Rolle des Reimreich, so gut es gehen wollte, nach dem Souffleur zu spielen; denn man pochte schon im Parterre, dass der Vorhang sollte aufgezogen werden.
Wütend ging Reiser hinter den Kulissen auf und ab und zernagte seine Rolle, die er in der Hand hielt. Dann eilte er so schnell wie möglich aus dem Schauspielhause und durchirrte wieder alle Strassen bei dem stürmischen und regnigten Wetter, bis er gegen Mitternacht auf einer bedeckten brücke, die ihn vor dem Regen schützte, vor Mattigkeit sich niederwarf und eine Weile ausruhte, worauf er wieder umherirrte, bis der Tag anbrach.
Diese äussersten Anstrengungen der natur waren das einzige, was ihm das Verlorne in dem ersten bittersten Schmerz darüber einigermassen ersetzen konnte. Das fortdauernde Leidenschaftliche dieses Zustandes hatte in sich etwas, das seiner unbefriedigten sehnsucht wieder neue Nahrung gab. Sein ganzes misslungenes teatralisches Leben drängte sich gleichsam in diese Nacht zusammen, wo er alle die leidenschaftlichen Zustände in sich durchging, die er ausser sich nicht hatte darstellen können.
Am andern Tage liess ihn der Doktor Froriep zu sich kommen und redete ihm wie ein Vater zu. Er bediente sich des schmeichelhaften Ausdrucks, dass Reisers Anlagen ihn zu etwas Besserm als zu einem Schauspieler bestimmten, dass er sich selbst verkennte und seinen eigenen Wert nicht fühlte. –
Da nun Reiser doch die Unmöglichkeit einsah, seinen Wunsch in Erfurt zu befriedigen, so täuschte er sich wiederum und überredete sich selber, dass er freiwillig der idee sich dem Teater zu widmen entsage, weil sich alles gleichsam vereinigte, um seinen Entschluss zu hintertreiben, und die Art, wie der Doktor Froriep ihn davon abmahnte, zugleich so viel Schmeichelhaftes für ihn hatte.
Kaum aber war er wieder für sich allein, so rächte sich seine Selbsttäuschung durch erneuerten bittern Unmut, Unentschlossenheit und Kampf mit sich selber, bis nach einigen Tagen ihn der härteste Schlag traf, den er noch immer zu vermeiden hoffte, er musste sein Haar verlieren.
Der Gedanke, nunmehr in einer Perücke, welches unter den Erfurter Studenten ganz etwas Ungewöhnliches war, erscheinen zu müssen