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sanft hinüberschlummern. Dabei heftete sich immer sein blick auf den blassen Widerschein von den hohen Fenstern, und dieser war es vorzüglich, welcher ihn in eine neue Welt zu versetzen schien: es war dies eine majestätische Schlafkammer, in welcher er seine Augen aufschlug, nachdem er wild die Nacht durchträumt hatte.

Denn wie Träume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in Reisers Leben, aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen Schicksalen von seiner Kindheit an. Denn war es nicht immer Selbstverachtung, zurückgedrängtes Selbstgefühl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von aussen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall schuld war als die Menschen?

Als der Tag angebrochen war, kehrte Reiser mit ruhigerm Gemüte aus dem Dom zurück und begegnete auf der Strasse seinem Freunde Neries, der schon früh ein Kollegium besuchte und welcher erschrak, da er Reisern ins Gesicht sah, so sehr hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt.

Neries ruhete nicht eher, bis Reiser ihm seinen ganzen Zustand entdeckt hatte. Nach freundschaftlichen Vorwürfen, dass Reiser nicht mehr Zutrauen zu ihm gehabt, brachte er ihn wieder nach seiner alten wohnung, suchte ihn dort den Leuten in einem andern Lichte darzustellen und tilgte die geringe Schuld seines Freundes.

Diese aufrichtige Teilnehmung seines Freundes stärkte bei Reisern wieder das erkrankte Selbstgefühl; er war gewissermassen stolz auf seinen Freund und ehrte sich in ihm.

Nun bedung er sich aus, um allein sein zu können, einen Verschlag auf dem Boden des Hauses zu beziehen, wohin man ihm auch ein Bette gab und wo er nun wieder, ganz sich selbst gelassen, ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte.

Er las und studierte hier oben und würde in dieser Abgezogenheit völlig glücklich gewesen sein, wenn ihn sein Gedicht über die Schöpfung nicht gequält hätte, welches machte, dass er oft wieder in eine Art von Verzweiflung geriet, wenn er Dinge ausdrücken wollte, die er zu fühlen glaubte und die ihm doch über allen Ausdruck waren.

Was ihm die meiste Qual machte, war die Beschreibung des Chaos, welche beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm und worauf er mit seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte, aber immer für seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrücke finden konnte.

Er dachte sich eine Art von falscher täuschender Bildung in das Chaos hinein, welche im Nu wieder zum Traum und Blendwerk wurde; eine Bildung, die weit schöner als die wirkliche, aber eben deswegen von keinem Bestand und keiner Dauer war.

Eine falsche Sonne stieg am Horizont herauf und kündigte einen glänzenden Tag an. – Der bodenlose Morast überzog sich unter ihrem trügerischen Einfluss mit einer Kruste, auf welcher Blumen sprossten, Quellen rauschten; plötzlich arbeiteten sich die entgegenstrebenden Kräfte aus der Tiefe empor, der Sturm heulte aus dem Abgrunde, die Finsternis brach mit allen ihren Schrecknissen aus ihrem verborgenen Hinterhalt hervor und verschlang den neugeborenen Tag wieder in ein furchtbares Grab. Die immer in sich selbst zurückgedrängten Kräfte bearbeiteten sich mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen und seufzten unter dem lastenden Widerstande. Die Wasserwogen krümmten sich und klagten unter dem heulenden Windstoss. In der Tiefe brüllten die eingeschlossenen Flammen, das Erdreich, das sich hob, der Felsen, der sich gründete, versanken mit donnerndem Getöse wieder in den alles verschlingenden Abgrund. –

Mit dergleichen ungeheuren Bildern zerarbeitete sich Reisers Phantasie in den Stunden, wo sein Innres selber ein Chaos war, in welchem der Strahl des ruhigen Denkens nicht leuchtete, wo die Kräfte der Seele ihr Gleichgewicht verloren und das Gemüt sich verfinstert hatte; wo der Reiz des Wirklichen vor ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung, Licht und Wahrheit.

Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermassen wieder in dem Idealismus, wozu er sich schon natürlich neigte und worin er durch die philosophischen Systeme, die er in Hannover studierte, sich noch mehr bestärkt fand. Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz, wo sein Fuss ruhen konnte. Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.

Dies war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten Stunden zubrachte, und dies war es, was ihm zugleich für das Romantische und Teatralische den unwiderstehlichen Trieb einflösste.

Durch seinen gegenwärtigen inneren und äussern Zustand war er nun wiederum ganz und gar in der idealischen Welt verloren, was Wunder also, dass bei der ersten Veranlassung seine alte leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum seine Gedanken auf das Teater heftete, welches bei ihm nicht sowohl Kunstbedürfnis als Lebensbedürfnis war.

Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald, da die

Speichsche Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt, auf dem Ballhause zu spielen, wo auch die Studenten ihre Komödien aufgeführt hatten.

Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte

sogar einen gewissen Ruf wegen seiner Schauspielertalente erhalten, wodurch er dem Prinzipal dieser kleinen truppe sogleich bekannt wurde, der ihn engagieren wollte, sobald er Lust hätte, Schauspieler zu werden.

Diese Versuchung, dass ihm das, wornach er mit

allen Mühseligkeiten des Lebens kämpfend vergeblich gestrebt hatte, nun auf einmal wie von selbst sich anbot, war für Reisern zu stark. Er setzte jede Rücksicht aus den Augen und lebte und webte nur in der Teaterwelt, für die er nun wieder wie in Hannover bis auf den Komödienzettel entusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete.

Einer,